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14.10.2026
Netzwerktagung Nationale Demenzstrategie

Demenzprävention - was kommt an?

„Rund 45 Prozent der Demenzfälle könnten potenziell verhindert oder verzögert werden.“ Eine Aussage, die Hoffnung machen kann. Doch was kommt bei Menschen an, die sie hören - und was bei denen, die bereits mit Demenz leben? Diese Frage stellte BVPG-Geschäftsführerin Dr. Gisela Nellessen-Martens an den Anfang ihres Beitrags bei der Netzwerktagung der Nationalen Demenzstrategie am 6. Oktober 2026 in Berlin.

Dr. Gisela Nellessen-Martens, Geschäftsführerin der BVPG, spricht bei der Netzwerktagung 2026 der Nationalen Demenstrategie
©Valentin Paster | Berlin-Eventfotograf.de

 

Unter dem Titel „Demenzprävention — Was und wie kommunizieren wir?“ lud sie dazu ein, Präventionsbotschaften aus der Perspektive ihrer Empfängerinnen und Empfänger zu betrachten. Wie können wir Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, ohne Druck, Schuldgefühle oder Stigmatisierung zu erzeugen? Mit Erkenntnissen aus der Forschung und Beispielen aus Sport und Alltag machte sie deutlich: Kommunikation ist selbst eine Intervention. Sie vermittelt Informationen und prägt zugleich Bilder und Erwartungen.


Wenn Ermutigung als Schuldzuweisung ankommt

Was löst dieser Satz basierend auf der Lancet-Publikation1 von Anfang des Jahres aus? Hoffnung, weil Handlungsmöglichkeiten bestehen? Motivation, selbst etwas beizutragen? Oder den Druck, sich noch mehr um die eigene Gesundheit kümmern zu müssen? Wer bereits mit Demenz lebt, hört möglicherweise eine ganz andere Frage heraus: Habe ich etwas falsch gemacht?

Die Zahl beschreibt ein geschätztes Präventionspotenzial auf Bevölkerungsebene. Sie ist kein individuelles Versprechen und erlaubt keinen Rückschluss darauf, ob eine bestimmte Person ihre Erkrankung hätte verhindern können. Dennoch kann aus der ermutigenden Botschaft „Du kannst etwas tun“  ein belastendes „Du bist selbst verantwortlich“  werden. Wird Erkrankung als selbstverschuldet wahrgenommen, können Schuldzuweisungen und Stigmatisierung entstehen.

Hinzu kommt: Wer vor allem über den persönlichen Lebensstil spricht, kann gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten aus dem Blick verlieren. Zu den identifizierten Risikofaktoren zählen auch geringe Bildung und Luftverschmutzung. Hier wird deutlich, dass Prävention ebenso Bildungs- und Lebensbedingungen betrifft. Ob Menschen Bewegung, Begegnung und Unterstützung in ihren Alltag integrieren können, hängt auch davon ab, welche Möglichkeiten ihnen offenstehen.


Gleiche Zahl - andere Erwartung?

Wie sehr die Darstellung einer Information unsere Wahrnehmung verändern kann, veranschaulichte die BVPG-Geschäftsführerin mit einem Beispiel aus der Kommunikation über Nebenwirkungen: „Bei einem Prozent treten Nebenwirkungen auf.“  Oder: „99 Prozent haben diese Nebenwirkungen nicht.“  Die sachliche Aussage ist dieselbe. Aber entsteht beim Lesen auch dasselbe Bild?

Denken Sie bei „einem Prozent“  an die Person, die betroffen ist? Und bei „99 Prozent“  an die vielen Menschen, bei denen die Nebenwirkung ausbleibt?

Was zunächst wie eine sprachliche Feinheit wirkt, lässt sich wissenschaftlich untersuchen. In einer vorgestellten Studie führte die positive Rahmung einer Wahrscheinlichkeit zu geringeren Nebenwirkungserwartungen als die negative Rahmung derselben Wahrscheinlichkeit.2 Die sachliche Information blieb gleich. Ihre Darstellung machte einen Unterschied.

Auch aus ihrer sportwissenschaftlichen Perspektive brachte sie ein Beispiel mit: Ein Athlet, der immer wieder Zweiter wird, stellt sich im mentalen Coaching bewusst vor, als Erster die Ziellinie zu überqueren. Wie sieht dieser Moment aus? Wie fühlt er sich an? Die Geschichte veranschaulicht, wie sich im mentalen Coaching mit inneren Bildern arbeiten lässt. Ein vorgestellter Sieg garantiert keinen tatsächlichen Erfolg.

Aber das Beispiel führt zu einer Frage, die auch für Gesundheitskommunikation relevant ist: Welche Möglichkeiten können Menschen für sich überhaupt sehen und welche Erwartungen legen unsere Worte nahe?


Was eine Fahrkarte mit Gesundheitskommunikation zu tun hat

Einen anderen Zugang eröffnete eine Beobachtung in Oslo. „Danke für die Bahn, die direkt nach der kam, die ich verpasst habe“ , heißt es dort sinngemäß in einer Nahverkehrskampagne.

Ein Satz, bei dem man kurz innehalten muss. Die Erklärung folgt darunter: Wer ein Ticket kauft, trägt zu einem besseren Angebot bei; das ist besser für einen selbst und alle anderen. Der Fahrkartenkauf erhält damit eine Bedeutung, die über die einzelne Fahrt hinausgeht: Ich trage dazu bei, dass etwas für uns alle funktioniert.

Würde diese Botschaft auch in Deutschland wirken? Nellessen-Martens nutzte diese Frage, um auf die Bedeutung des Kontextes aufmerksam zu machen. Eine Ansprache muss zu den Menschen und ihren Erfahrungen passen. Zugleich vermittelt sie eine Haltung: Wie blicken wir aufeinander? Was trauen wir einander zu? Und welchen Sinn geben wir gemeinsamem Handeln?

Für die Gesundheitskommunikation lohnt sich deshalb die Frage: Machen wir sichtbar, wie Menschen zur eigenen Gesundheit und zur Gesundheit anderer beitragen können? Und welche Unterstützung erhalten sie dabei?


Demenzprävention, Hirngesundheit - oder „Verbunden leben“ ?

Auch einzelne Begriffe eröffnen unterschiedliche Bilder. „Demenzprävention“ , „Hirngesundheit“  und „geistige Fitness“  setzen jeweils andere Akzente. Welche Vorstellungen entstehen dabei? Wen sprechen sie an? Und was verändert sich, wenn eine Botschaft lautet: „Neugierig bleiben. Verbunden leben.“ ?

Daran schloss die BVPG-Geschäftsführerin einen weiterführenden Gedanken an: Bewegung, soziale Beziehungen und gute Lebensbedingungen sind Anliegen vieler Präventionsbereiche. Könnten wir diese Gemeinsamkeiten stärker nutzen, statt Menschen mit jeweils eigenen Kampagnen zur Demenzprävention, Herz- oder Rückengesundheit anzusprechen?

Als Denkanstoß stellte sie eine übergreifende Kommunikation für gesundes und aktives Älterwerden zur Diskussion, die Selbständigkeit, Verbundenheit und Teilhabe zusammendenkt. Demenzprävention wäre darin eingebettet.


Gesundheit gemeinsam ermöglichen

Am Ende unterstrich die Referentin: Damit Kommunikation Handlungsmöglichkeiten eröffnet, müssen die angesprochenen Angebote auch verfügbar sein: bezahlbar, zugänglich und im Alltag erreichbar. Wer Menschen zu mehr Bewegung ermutigt, muss ihre Möglichkeiten dafür mitdenken. Wer zu Beratung aufruft, muss fragen, ob diese tatsächlich erreichbar ist.

Orientierung für die Gestaltung wirksamer Kommunikation bietet unter anderem das WHO-Framework von 2017 mit Prinzipien wie Verständlichkeit, Zugänglichkeit, Glaubwürdigkeit und Handlungsorientierung.3

Welche Botschaften sollte eine solche Kampagne vermitteln? Zwei Wünsche, die die Verbindung von Selbstwirksamkeit und gemeinsamer Verantwortung auf den Punkt bringen, formulierte Nellessen-Martens zum Schluss:

„Ich kann etwas beitragen, ohne allein verantwortlich zu sein — zu meiner Gesundheit und der Gesundheit anderer.“

„Mein Wert und meine Zugehörigkeit bleiben bestehen — auch wenn Demenz Teil meines Lebens wird.“

Hier schließt sich der Kreis zur Frage vom Anfang: Welche Bilder erzeugen wir mit unseren Worten? Für die BVPG verbindet sich damit das Anliegen: Gemeinsam gesund in die Zukunft. Gesundheit gemeinsam zu ermöglichen - Menschen zu stärken, Gemeinschaft zu fördern und gesundheitsförderliche Bedingungen zu schaffen. Eine Kommunikation, die dazu beiträgt, macht auch sichtbar: Ich kann etwas tun. Ich finde Unterstützung. Ich gehöre dazu.



Lesen Sie dazu auch

Informationen zur Nationalen Demenzstrategie finden Sie auf deren Website: www.nationale-demenzstrategie.de


Literatur

1 Livingston, G., Huntley, J., Liu, K. Y., Costafreda, S. G., Selbæk, G., Alladi, S., Ames, D., Banerjee, S., Burns, A., Brayne, C., Fox, N. C., Ferri, C. P., Gitlin, L. N., Howard, R., Kales, H. C., Kivimäki, M., Larson, E. B., Nakasujja, N., Rockwood, K., . . . Mukadam, N. (2024). Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. The Lancet, 404(10452), 572-628. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(24)01296-0

2 Kube, T., Kelley, J. M., Barsky, A. J., & Glombiewski, J. A. (2026). Effects of likelihood framing on side effect expectations and nocebo side effects: Results from three experimental studies with a placebo analgesic cream. British Journal of Health Psychology, 31, Article e70055. https://doi.org/10.1111/bjhp.70055; s. auch www.treatment-expectation.de

3 World Health Organization. (2017). WHO strategic communications framework for effective communications. https://www.who.int/docs/default-source/documents/communicating-for-health/communication-framework.pdf (PDF)