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08.10.2026
BIÖG-BVPG-Symposium

Präventionsoffensive: Gemeinsam einen gesundheitsorientierten Kulturwandel gestalten

Wie kann Prävention in Deutschland nachhaltig gestärkt und wirksam gestaltet werden? Dieser Frage widmeten sich das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) und die BVPG am 24. September 2026 bei einem gemeinsamen Symposium im Rahmen des 25. Deutschen Kongresses für Versorgungsforschung (DKVF). Im Mittelpunkt standen Erwartungen an die Präventionsoffensive und die Veränderungen, die für ihre Umsetzung notwendig sind.

Sieben Teilnehmende der Podiumsdiskussion stehen für ein Gruppenfoto nebeneinander, darunter BVPG-Geschäftsführerin Dr. Gisela Nellessen-Martens, vierte von links
© BIÖG

 

Das Symposium brachte Perspektiven aus Public Health, Gesundheitsversorgung, Selbstverwaltung und Wissenschaft miteinander ins Gespräch. Dabei ging es auch darum, was die beteiligten Akteurinnen und Akteure voneinander benötigen, um Prävention und Gesundheitsförderung gemeinsam voranzubringen.

Prävention 2030: Was soll sich für die Menschen verändern?

Zum Auftakt richtete sich der Blick in die Zukunft: Woran würden Bürgerinnen und Bürger im Jahr 2030 erkennen, dass die Präventionsoffensive erfolgreich war? Die Antworten reichten von besserem Hitzeschutz in Städten über mehr Bewegung im Schulalltag bis zu einer stärkeren Verankerung präventiver Angebote in der ärztlichen Versorgung. Zugleich wurde betont, dass bereits vorhandene Möglichkeiten konsequenter genutzt werden müssten.

Einen besonderen Stellenwert hatte die Gestaltung gesundheitsförderlicher Lebensbedingungen. Dr. Katharina Böhm, Geschäftsführerin der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE), betonte: „Die Präventionsoffensive muss darauf zielen, die Lebensverhältnisse der Menschen gesundheitsförderlicher zu gestalten.“

Dabei wurden auch die zeitlichen und finanziellen Voraussetzungen angesprochen: Grundlegende Veränderungen sozialer Bedingungen benötigen einen langen Atem. Das Jahr 2030 sei hierfür ein kurzer Zeithorizont. Der Wunsch nach einer zusätzlichen Stunde Schulsport statt weiterer Kürzungen verdeutlichte zugleich, dass sich konkrete Schritte bereits heute benennen lassen. Sorgen um Kürzungen in der Forschungsförderung unterstrichen, dass auch die wissenschaftlichen Voraussetzungen für die Weiterentwicklung von Prävention gesichert werden müssen.


Vom Veränderungsanspruch zur Umsetzung

Ein gesundheitsorientierter Kulturwandel, ein Paradigmenwechsel oder ein Mentalitätswandel: Mit unterschiedlichen Begriffen beschreiben Wissenschaftsrat, Bundesärztekammer und Bundesgesundheitsministerium die Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung. Die BVPG betont eine konsequente Ressourcen- und Lebensweltorientierung. Doch was bedeutet dieser Anspruch für das konkrete Handeln?

In der Diskussion wurde deutlich, wie weit die Aufgabe reicht. Prävention beginnt bereits außerhalb der Medizin: im Alltag, in Gemeinden, Vereinen und zivilgesellschaftlichen Zusammenhängen.

Damit rücken die Bedingungen, unter denen Menschen leben, ebenso in den Blick wie ihre individuellen Handlungsmöglichkeiten. Wissenschaft ist gefordert, diese Zusammenhänge und die Voraussetzungen wirksamer Prävention zu untersuchen.

Auch in der Gesundheitsversorgung besteht Veränderungsbedarf. Angesprochen wurden eine stärkere Verankerung von Prävention in der Aus- und Weiterbildung sowie die Weiterentwicklung von Impfstrategien. Darüber hinaus ging es um das Verständnis von Prävention und ihre Vermittlung: Gesundheitliche Empfehlungen müssen Menschen erreichen, ohne als Angriff oder Bevormundung erlebt zu werden.


Kulturwandel betrifft auch das Miteinander

Der Veränderungsbedarf beschränkt sich nicht auf Angebote und Strukturen. Er betrifft auch die Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen und den politischen Umgang miteinander. Unterschiedliche Aufgaben, Interessen und Handlungsspielräume müssen verstanden und bei der Suche nach gemeinsamen Lösungen berücksichtigt werden.

Aus der kommunalen Praxis wurde berichtet, dass Mitarbeitende gezielt darauf vorbereitet werden, mit anderen Interessengruppen ins Gespräch zu kommen und Verständnis für deren Perspektiven zu entwickeln. Das Beispiel machte deutlich: Vernetzung braucht neben geeigneten Strukturen auch die Fähigkeit und Bereitschaft, über die eigene institutionelle Sicht hinauszublicken.


Verantwortung und Finanzierung breiter tragen

Marcus Schneider, Leiter der Abteilung Gesundheit beim GKV-Spitzenverband, ergänzte: „Jetzt kommt es darauf an, Prävention konsequent in allen Lebensbereichen umzusetzen, Verantwortung breiter zu verteilen und insbesondere in die Gesundheit der jungen Generation zu investieren.“

Damit verbunden ist die Frage der Finanzierung. In der Diskussion wurde betont, dass eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe nicht allein durch die Krankenversicherung finanziert werden kann. Zugleich sind die vorhandenen personellen und finanziellen Ressourcen begrenzt. Zusätzliche Aufgaben benötigen entsprechende Spielräume; ebenso gilt es, bestehende Möglichkeiten besser zu nutzen.

Die Diskussion zeigte damit zentrale Gestaltungsaufgaben für die Präventionsoffensive auf: gesundheitsförderliche Lebensbedingungen schaffen, Prävention in der Versorgung stärken, Zusammenarbeit weiterentwickeln und Verantwortung einschließlich ihrer Finanzierung verbindlich teilen.

Moderiert wurde das Symposium von Dr. Anke Spura, Leiterin des Referats Forschungskoordination, -kooperation, Wissenstransfer beim BIÖG, und Dr. Gisela Nellessen-Martens, Geschäftsführerin der BVPG. Auf dem Podium diskutierten neben Dr. Katharina Böhm und Marcus Schneider, Prof. Dr. med. Michael Hallek, Mitglied der wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrates, Dr. med. Ellen Lundershausen, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer und der BVPG, sowie Dr. Johannes Nießen, kommissarischer Leiter des BIÖG.


Im Rückblick: Gemeinsam Gesundheit ermöglichen

Dr. Gisela Nellessen-Martens, Geschäftsführerin der BVPG, ordnet die Diskussion im Rückblick ein: „Ich nehme aus der Diskussion mit, dass es viel Übereinstimmung darüber gibt, dass sich etwas verändern muss. Was dieser Kulturwandel konkret bedeutet, müssen wir jedoch noch gemeinsam ausbuchstabieren. Mehr Bewegung im Schulalltag, besserer Hitzeschutz im Wohnviertel oder eine Versorgung, die Menschen im Umgang mit ihrer Erkrankung stärkt: Die Diskussion hat gezeigt, an wie vielen Stellen wir ansetzen können.

Für mich sollte die Präventionsoffensive diese Ansätze unter einem gemeinsamen Ziel verbinden: Gesundheit gemeinsam ermöglichen. Dazu gehört, Menschen in ihren Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten zu stärken und zugleich die Bedingungen zu gestalten, unter denen sie leben. Persönliche Verantwortung und die Verantwortung von Organisationen und Politik gehören zusammen.

Entscheidend ist deshalb, dass wir uns über gemeinsame Ziele verständigen und klären, wer welchen Beitrag leisten kann. Dabei müssen wir auch offen über begrenzte Ressourcen sprechen und darüber, wie Spielräume für Veränderungen entstehen können. Vom Bundesgesundheitsministerium wünsche ich mir, dass es diesen gemeinsamen Prozess weiter voranbringt und ihm politisches Gewicht gibt.

Zum Kulturwandel gehört für mich ebenso die Art, wie wir zusammenarbeiten: andere Perspektiven ernst nehmen, unterschiedliche Interessen offen ansprechen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Wenn Menschen dabei erleben, dass sie mitgestalten und etwas bewirken können, kann Gesundheitsförderung auch Vertrauen, Zusammenhalt und demokratische Teilhabe stärken.“

Die BVPG dankt allen Mitwirkenden und Teilnehmenden für den offenen Austausch und die vielfältigen Impulse. Ein besonderer Dank gilt dem Deutschen Netzwerk Versorgungsforschung e.V. (DNVF) sowie den Kongresspräsidentinnen Prof. Dr. Lena Ansmann und Prof. Dr. Nicole Ernstmann für den Rahmen, Prävention und Gesundheitsförderung aus unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren und gemeinsam weiterzudenken sowie dem BIÖG, Dr. Johannes Nießen und Dr. Anke Spura, mit denen wir das Symposium gemeinsam geplant und umgesetzt haben.


BIÖG-BVPG-Symposium „Prävention gestalten“ mit Markus Schneider (GKV), Dr. Katharina Böhm (HAGE) , Dr. Ellen Lundershausen (BÄK- und BVPG-Vizepräsidentin), Dr. Gisela Nellessen-Martens (BVPG. Moderation), Dr. Michael Hallek (Wissenschaftsrat), 
Dr. Anke Spura (BIÖG, Moderation) und Dr. Johannes Nießen (BIÖG) (v.l.n.r.).