24.09.2026 Gastbeitrag von Prof. Dr. Klaus Lieb
Resilienzforschung: warum wir einen Perspektivenwechsel brauchen
Resilienz kann gefördert werden, entsteht aber nicht allein im Kopf. Prof. Dr. Klaus Lieb, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung, zeigt, welche Rolle individuelle, soziale und gesellschaftliche Bedingungen spielen und warum die Forschung zunehmend Prozesse und Mechanismen der Anpassung an konkrete Belastungssituationen untersucht.
Wir sollten resilienter werden, besser mit Stress umgehen, positiv denken, uns mehr bewegen, ausreichend schlafen und unsere sozialen Kontakte pflegen. Dann kommen wir besser durch die nächste Krise.
So oder so ähnlich klingt vieles, was uns heute zum Thema Resilienz angeboten wird. Resilienz scheint zu einer Art psychischem Fitnessprogramm geworden zu sein: ein bisschen Achtsamkeit hier, ein Resilienztraining dort und schon sind wir besser gerüstet für die nächste Krise.
Ist es wirklich so einfach?
Die Forschung zeigt zunächst eine erfreuliche Nachricht: Die meisten Menschen kommen mit belastenden Ereignissen erstaunlich gut zurecht. Unsere Analysen weltweiter Verlaufsdaten haben gezeigt: Mindestens zwei Drittel der Menschen - unabhängig von der Art des Stressors - bleiben psychisch stabil oder erholen sich nach einer vorübergehenden Belastung wieder schnell. Resilienz bedeutet dabei nicht, dass Menschen eine Krise ohne Angst, Trauer oder Stress erleben. Resilienz bedeutet vielmehr, dass die psychische Gesundheit trotz einer Belastung erhalten bleibt oder schnell zurückgewonnen werden kann.
Damit ist auch klar: Resilienz ist kein Charaktermerkmal, das man entweder besitzt oder nicht besitzt. Sie ist das Ergebnis der Anpassung an eine konkrete Belastung und verändert sich im Laufe des Lebens.
Was macht Menschen resilient?
Wenn wir verstehen wollen, wie Resilienz entsteht, liegt eine einfache Erklärung nahe: Resiliente Menschen haben bestimmte Eigenschaften. Sie sind optimistisch, selbstwirksam, emotional stabil und verfügen über gute soziale Beziehungen. Ganz falsch ist das nicht. Aber es ist auch nicht die ganze Geschichte.
Eine unserer aktuellen Übersichtsarbeiten hat 50 Studien mit insgesamt mehreren zehntausend Menschen ausgewertet. Dabei zeigten sich insbesondere soziale Unterstützung, gute Emotionsregulation, psychologische Flexibilität sowie ein höherer sozioökonomischer Status als Faktoren, die mit resilienten Verläufen zusammenhängen. Gleichzeitig wurden die Zusammenhänge deutlich schwächer, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig berücksichtigt wurden. Für manche Faktoren waren die Ergebnisse sogar widersprüchlich.
Das ist wichtig, denn es bedeutet, dass wir Resilienz nicht auf eine Liste von Faktoren reduzieren können.
Ein Mensch kann beispielsweise sehr optimistisch sein und trotzdem schlecht mit einer bestimmten Krise zurechtkommen. Was hilft, hängt offenbar auch davon ab, welcher Belastung wir ausgesetzt sind und welche Anforderungen diese Belastung an uns stellt. Resilienz ist deshalb weniger eine Eigenschaft als viel mehr dadurch bestimmt, wie die Anpassung an die konkrete Situation gelingt.
Entscheidend ist, was wir während einer Krise tun
Damit kommen wir zu einer interessanten Frage: Was passiert eigentlich zwischen einem belastenden Ereignis und unserer Reaktion darauf?
Stellen wir uns vor, jemand verliert seinen Arbeitsplatz. Die Situation selbst können wir zunächst nicht verändern. Aber wir können unterschiedlich auf sie reagieren. Der eine denkt: „Jetzt ist alles vorbei.“ Der andere denkt: „Das ist eine schwierige Situation. Aber was kann ich jetzt konkret tun?“ Beide erleben denselben Stressor, ihre Bewertung und ihr Verhalten unterscheiden sich jedoch.
Genau solche Prozesse in der konkreten Stresssituation und was dabei im Gehirn passiert, interessieren die Resilienzforschung an unserem Institut. Hier geht es also nicht um Resilienzfaktoren, sondern um die Mechanismen der Adaptation in der konkreten Situation. International werden aktuell zwei Mechanismen intensiver untersucht. An unserem Institut in der Arbeitsgruppe Kalisch die Mechanismen der positiven (Neu-)Bewertung und in der Arbeitsgruppe von George Bonanno in New York die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Bewältigungsstrategien zu wechseln. Wenn eine Strategie nicht funktioniert, muss ich in der Lage sein, etwas anderes auszuprobieren. Das klingt zunächst abstrakt. Im Alltag bedeutet es: Nicht an einem Verhaltensmuster festhalten, wenn es nicht weiterhilft.
Warum Resilienztrainings bisher keine Wunder bewirken
Wenn Resilienz beeinflussbar ist, liegt die nächste Frage auf der Hand: Können wir sie trainieren?
Auch hier ist die Antwort: grundsätzlich ja. Zahlreiche unserer Studien zeigen, dass Interventionen zur Resilienzförderung positive Effekte auf psychische Gesundheit und Resilienzfaktoren haben. Das gilt auch für digitale Angebote. Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse meines Teams hat 101 Studien zu digitalen Resilienzinterventionen ausgewertet. Solche Angebote können psychische Belastungen reduzieren und positive psychische Gesundheit fördern. Allerdings sind die Effekte meist klein bis mittelgroß.
Das ist kein Grund, Resilienztrainings als unwirksam abzuschreiben. Aber es sollte uns davor bewahren, zu viel zu versprechen. Denn ein zweitägiges Seminar kann nicht ausgleichen, wenn jemand über Jahre unter chronischem Stress steht, in einem belastenden Arbeitsumfeld arbeitet, wenig soziale Unterstützung hat oder in finanzieller Unsicherheit lebt.
Genau hier liegt ein Problem vieler bisheriger Resilienzangebote: Sie setzen vor allem beim Individuum an. Menschen sollen lernen, mit Stress besser umzugehen. Das ist sinnvoll, aber es reicht nicht aus.
Resilienz entsteht nicht nur im Kopf
Mein Team hat deshalb untersucht, welche sozialen und gesellschaftlichen Faktoren mit resilienten Verläufen zusammenhängen. Dabei zeigt sich besonders deutlich die Bedeutung sozialer Unterstützung. Auch Faktoren wie angemessener Wohnraum, Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung und unterstützende politische Rahmenbedingungen können eine Rolle spielen.
Das klingt zunächst weniger spektakulär als ein Resilienztraining. Für die Gesundheitsförderung ist es aber möglicherweise die wichtigere Erkenntnis. Denn was nützt es einem Menschen, wenn er gelernt hat, seine Gedanken positiv umzustrukturieren, gleichzeitig aber jeden Morgen mit Angst zur Arbeit geht, weil die Arbeitsbedingungen dauerhaft krank machen? Was nützt einem Jugendlichen ein Training zur Stressbewältigung, wenn er zu Hause keine verlässliche Bezugsperson hat? Und was nützt die Aufforderung, soziale Kontakte zu pflegen, wenn Menschen in ihrem Wohnumfeld kaum Möglichkeiten für Begegnung und Teilhabe haben? Resilienzförderung darf deshalb nicht mit der Aufforderung enden: „Du musst einfach resilienter werden.“
Wir brauchen einen Perspektivwechsel
Die Resilienzforschung steht damit vor einer interessanten Entwicklung. Bisher haben wir häufig gefragt: Welche Eigenschaften machen Menschen resilient? Heute fragen wir zunehmend: Welche Prozesse und Mechanismen machen Menschen resilient? Dieser Unterschied ist entscheidend.
Wenn beispielsweise eine positive Bewertung einer Situation mit Resilienz zusammenhängt, reicht es nicht, Menschen zu sagen: „Denke positiver." Wir müssen verstehen, wie Menschen in einer konkreten Belastungssituation zu einer hilfreichen Bewertung kommen und wie wir diesen Prozess unterstützen können.
Wenn soziale Unterstützung schützt, müssen wir wissen, wann und für wen sie besonders wichtig ist. Und wenn kognitive Flexibilität eine Rolle spielt, müssen wir verstehen, wie Menschen lernen können, ihr Verhalten an unterschiedliche Situationen anzupassen.
Genau hier setzt unsere Forschung am Leibniz-Institut für Resilienzforschung an. Wir schlagen deshalb vor, Resilienzinterventionen stärker auf solche zugrunde liegenden Mechanismen auszurichten. Bisherige Programme trainieren häufig einzelne Faktoren wie Optimismus, Achtsamkeit oder Selbstwirksamkeit. Zukünftig muss es stärker darum gehen, die mentalen, körperlichen und verhaltensbezogenen Prozesse, die während einer Belastung tatsächlich ablaufen und zu einem resilienten Ergebnis führen und die dahinterliegenden Mechanismen im Gehirn genauer zu verstehen.
Das wird dann auch Möglichkeiten eröffnen, Interventionen jenseits von psychologischen Hilfen zu entwickeln und sie stärker zu individualisieren. Denn was dem einen Menschen hilft, muss dem anderen nicht gleichermaßen helfen.
Was bedeutet das für die Gesundheitsförderung?
Für die Prävention ergibt sich daraus meines Erachtens ein doppelter Auftrag.
Erstens sollten wir Menschen dabei unterstützen, ihre eigenen Möglichkeiten zur Bewältigung von Belastungen zu erweitern und die Mechanismen zu aktivieren, die zu einem resilienten Ergebnis führen. Zweitens müssen wir die Lebenswelten in den Blick nehmen, in denen Menschen diese Fähigkeiten überhaupt erst entwickeln und einsetzen können.
Eine resilienzfördernde Schule ist beispielweise eine Schule, in der Beziehungen eine Rolle spielen, Kinder sich sicher fühlen und Erwachsene ihnen zutrauen, Probleme selbst zu lösen und Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen gleichermaßen Unterstützung finden.
Ein resilienzförderlicher Betrieb ist nicht nur einer, der seinen Beschäftigten eine App zur Stressbewältigung zur Verfügung stellt. Er ist auch einer, der Arbeitszeiten, Führung, soziale Beziehungen und Handlungsspielräume so gestaltet, dass psychische Gesundheit möglich wird.
Resilienz stärken heißt nicht, Menschen krisenfest zu machen
Vielleicht müssen wir uns deshalb von einem etwas falschen Bild der Resilienz verabschieden. Ein Mensch ist kein Stahlträger, der so stabil gemacht werden kann, dass ihm keine Krise mehr etwas anhaben kann. Und psychisch gesunde Menschen haben auch kein durchgängiges psychisches Wohlgefühl. Auch sie können traurig, erschöpft, ängstlich oder verzweifelt sein. Auch resiliente Menschen brauchen manchmal Hilfe.
Resilienz bedeutet nicht Unverletzlichkeit, sondern mit Belastungen so umgehen zu können, dass die psychische Gesundheit grundsätzlich erhalten bleibt oder schnell wiederhergestellt werden kann. Sie entsteht aus einem Zusammenspiel von individuellen, sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen.
Die gute Nachricht: Wir können Resilienz fördern. Aber dabei geht es nicht nur darum, was der einzelne Mensch tun kann, sondern auch was Familien, Schulen, Betriebe, Kommunen und die Gesellschaft tun können. Denn psychische Gesundheit entsteht nicht allein im Kopf. Und deshalb sollte auch Resilienzförderung nicht allein dort stattfinden.
Prof. Dr. Klaus Lieb | Seit 2020 wissenschaftlicher Geschäftsführer des Leibniz-Institut für Resilienzforschung. Seine Forschung umfasst Resilienz, Borderline-Störung, Antidepressiva und Interessenkonflikte. Klaus Lieb studierte Medizin und Philosophie in Ulm, Tübingen und Los Angeles. Nach Facharztweiterbildung und Habilitation in Freiburg wurde er 2007 an die Universität Mainz berufen, wo er die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie leitet.
Literatur:
Schäfer, S. K.; Supke, M.; Kausmann, C.; Schaubruch, L. M.; Lieb, K.; Cohrdes, C. (2024): A systematic review of individual, social, and societal resilience factors in response to societal challenges and crises. In: Communications Psychology 2, 92. DOI: 10.1038/s44271-024-00138-w.
Schäfer, S. K.; von Boros, L.; Schaubruch, L. M.; Kunzler, A. M.; Lindner, S.; Koehler, F.; Werner, T.; Zappalà, F.; Helmreich, I.; Wessa, M.; Lieb, K.; Tüscher, O. (2024): Digital interventions to promote psychological resilience: a systematic review and meta-analysis. In: npj Digital Medicine 7, 30. DOI: 10.1038/s41746-024-01017-8.
Supke, M.; Schaubruch, L. M.; Cohrdes, C.; Kausmann, C.; Schäfer, S. K.; Lieb, K. (2025): Current evidence and future directions for social and societal resilience factors in response to societal challenges and crises: an overview of systematic reviews and expert rating. In: BMC Public Health 25, 3816. DOI: 10.1186/s12889-025-25285-5.
Schäfer, S. K.; Stoffers-Winterling, J.; Lieb, K. (2026): Towards mechanism-focused and scalable resilience interventions. In: Nature Reviews Psychology 5, 458-475. DOI: 10.1038/s44159-026-00573-y.
Puhlmann, L. M. C.; Petri-Romao, P.; Yuen, K. S. L.; Tüscher, O.; Kalisch, R. (2026): Positive appraisal style as a key factor in stress resilience. In: Trends in Cognitive Sciences 30, 680-682. DOI: 10.1016/j.tics.2026.06.014.
