27.08.2026 Gastbeitrag von Prof. Dr. med. Achim Mortsiefer und Sandra Herold
Positive Health: Gesundheit entsteht dort, wo Menschen leben
Anknüpfend an ihren ersten Beitrag zum Konzept Positive Health vom 13.07.2026 zeigen Prof. Dr. med. Achim Mortsiefer und Sandra Herold von der Universität Witten/Herdecke in ihrem zweiten Beitrag, wie der Ansatz nicht nur als personenzentrierte Gesprächsmethode, sondern auch als gemeinsamer Bezugsrahmen für Gruppen-, Organisations- und Settingentwicklung eingesetzt werden kann.
Positive Health ist ein salutogenetisch ausgerichtetes Konzept zur Gesundheitsförderung mit einem erweiterten Blick auf Gesundheit. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Menschen trotz körperlicher, emotionaler und sozialer Herausforderungen ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen können.
Im ersten Beitrag zum Konzept Positive Health wurde gezeigt, wie mithilfe des dialogorientierten Positive-Health-Gesprächs und des Spinnennetz-Diagramms der Fokus auf die gesamte Lebenssituation gerichtet wird. Dabei soll die eigene Gesundheit anhand von sechs Dimensionen eingeschätzt werden: Körperliche Funktion, Mentales Wohlgefühl, Sinngebung, Lebensqualität, Partizipation und das tägliche Leben. Das Potenzial des Konzepts reicht jedoch weit über die individuelle Prävention und Gesundheitsförderung hinaus. In den Niederlanden wird Positive Health inzwischen zunehmend als gemeinsamer Orientierungsrahmen für Kommunen, das Sozialwesen und die Quartiersentwicklung genutzt (Yaron et al. 2021; de Bekker et al. 2024).
„Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt: dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben.“ (WHO 1986)
Mit diesem Satz brachte die Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation 1986 ihren neuen zentralen Gedanken der Gesundheitsförderung auf den Punkt: Gesundheit entsteht nicht ausschließlich durch Maßnahmen der medizinischen und pflegerischen Gesundheitsversorgung. Sie wird maßgeblich durch die Bedingungen geprägt, unter denen Menschen leben. Wohnraum, Bildung, soziale Beziehungen, Mobilität oder die Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe beeinflussen die Gesundheit häufig stärker als einzelne medizinische Maßnahmen. Dieser erweiterte Blick auf Gesundheit findet sich auch in den sechs Dimensionen des Positive-Health-Konzepts wieder (Huber et al. 2016; van Vliet et al. 2024).
Health in and for All Policies: kommunale Gesundheitsförderung mit Positive Health
Die Kommunen gestalten viele dieser gesundheitsrelevanten Lebensbedingungen unmittelbar mit und haben darüber die Chance, die Gesundheit ihrer Bevölkerung positiv zu beeinflussen. Die aktuelle Hannover-Erklärung des Gesunde-Städte-Netzwerks greift diesen Gedanken auf und entwickelt ihn weiter: Mit der Forderung, Gesundheit in allen kommunalen Politikfeldern mitzudenken („Health in and for All Policies“), sollen gesundheitliche Auswirkungen politischer Entscheidungen in allen kommunalen Handlungsfeldern berücksichtigt werden. Gesundheit wird damit als ressortübergreifende Querschnittsaufgabe verstanden, die Chancengleichheit, demokratische Teilhabe, nachhaltige Stadtentwicklung und kommunale Daseinsvorsorge miteinander verbindet (Jansen-van Eijndt et al. 2023; Gesunde Städte Netzwerk 2026). Positive Health bietet ein praxisorientiertes Framework, um diese Aufgabe konkret umzusetzen.
Mit diesem konzeptionellen Rahmen können einzelne Programme oder Maßnahmen inhaltlich und organisatorisch miteinander vernetzt werden, so dass die unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure sich als Teil einer größeren Initiative für die Gesundheitsförderung vor Ort begreifen können (de Bekker et al. 2024; Yaron et al. 2021; van Vliet et al. 2024).
Abbildung 1: Einsatzmöglichkeiten von Positive Health (Huber et al. 2021)

Wie kommunale Umsetzung gelingen kann
In vielen Kommunen gibt es bereits unterschiedliche Initiativen zur Gesundheitsförderung, die jedoch häufig wenig miteinander vernetzt agieren. Positive Health mit seinem Spinnenetz-Diagramm der sechs Dimensionen von Gesundheit dient der Vernetzung und der Verständigung über die gesundheitsbezogenen Ziele und Bedürfnisse im sozialen Raum. Ein möglicher Umsetzungspfad könnte folgende Elemente beinhalten (Beweging Limburg Positief Gezond 2023; Brautigam et al. 2022):
- Politisch-strategische Verankerung: Positive Health wird als Leitprinzip im Gesundheits- und Sozialplan festgelegt. Dabei wird an bestehende Herausforderungen angeknüpft, das heißt Positive Health wird nicht als „Zusatzprojekt“, sondern als roter Faden in der kommunalen Agenda platziert.
- Einbeziehung verschiedener Stakeholder: Eine sektorübergreifende Steuerungsgruppe wie etwa ein „Runder Tisch Gesundheit“ wird gebildet und eine oder mehrere Personen für die lokale Koordination benannt.
- Fortbildungen und Informationen: Die Schlüsselpersonen erhalten ein Positive Health-Training (ressourcenorientierte Gesprächsführung, Gruppenmoderation anhand des Spinnennetz-Diagramms). Begleitend werden Informationsveranstaltungen zu Positive Health angeboten.
- Partizipatorische Bedarfsanalyse: In ausgewählten Bereichen der Kommune wie z. B. Quartieren oder Schulen werden Bedarfe und Stärken gemeinsam mit den Beteiligten kartiert (Mapping). Dabei sollte darauf geachtet werden, nicht ausschließlich problemfokussiert zu starten, sondern zunächst nach Stärken, Wünschen und Möglichkeiten für Initiativen in Eigenregie zu fragen.
- Umsetzung von Initiativen und Projekten: Positive Health ermöglicht integrierte Ansätze im Sozial- und Gesundheitsbereich durch Verknüpfung von Prävention, Wohlfahrt und Versorgung. Es sollten zunächst solche Projekte ausgewählt werden, die von den beteiligten Personen mit Energie und Engagement angegangen werden können. Es kann ratsam sein, einen Fokus zu setzen (z. B. auf Quartiersinitiativen zu Bewegung / Begegnung oder auf die Gestaltung von Grünflächen / Begegnungsräumen), um Überforderung zu vermeiden.
- Monitoring und Evaluation: Ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch unter den relevanten Stakeholdern und mit den Bürgerinnen und Bürgern ist erforderlich, um die Auswirkungen der Initiativen zu reflektieren und eine Nachsteuerung zu ermöglichen (de Bekker et al. 2024; van Wietmarschen et al. 2022; Yaron et al. 2021).
Die Herausforderungen der Anwendung von Positive Health bestehen darin, gewohnte, problemzentrierte Arbeitsweisen loszulassen, politische oder kommerzielle Interessen zu begrenzen und die Offenheit des Konzepts nicht zur Beliebigkeit werden zu lassen (Beweging Limburg Positief Gezond 2023; Brautigam et al. 2022).
Positive Health in der Praxis: erfolgreiche Umsetzung in den Niederlanden
Ein erfolgreich umgesetztes Beispiel ist Blue Care Maastricht-Heuvelland in den Niederlanden. Ausgangspunkt des Projekts waren gesundheitliche und soziale Herausforderungen in mehreren sozial benachteiligten Stadtteilen. Zu Beginn wurden Bürgerinnen und Bürger sowie Fachkräfte aus Gesundheitswesen, Sozialbereich und Kommune systematisch einbezogen, um gemeinsam lokale Bedürfnisse, Herausforderungen und vorhandene Ressourcen zu identifizieren. Positive Health bildete dabei den gemeinsamen Orientierungsrahmen für den weiteren Entwicklungsprozess. Anstatt neue Parallelstrukturen aufzubauen, wurden bestehende Akteurinnen und Akteure aus Kommune, Gesundheitswesen, Sozialbereich, Wissenschaft und Zivilgesellschaft miteinander vernetzt. Auf dieser Grundlage wurden gemeinsam kleinräumige Pilotprojekte entwickelt, schrittweise umgesetzt und kontinuierlich weiterentwickelt. Die Bevölkerung blieb während des gesamten Prozesses aktiv beteiligt, unter anderem durch partizipative Formate zur Mitgestaltung und Bewertung der Maßnahmen. Parallel wurde die Umsetzung wissenschaftlich begleitet und regelmäßig evaluiert.
Die Erfahrungen zeigen, dass Positive Health dazu beitragen kann, sektorenübergreifende Zusammenarbeit zu stärken, vorhandene Ressourcen besser zu nutzen und kommunale Gesundheitsförderung konsequent an den Bedürfnissen der Bevölkerung auszurichten (Grootjans et al. 2019; Grootjans et al. 2024).
Erste Erfahrungen mit Positive Health in Deutschland
Ein aktuelles Beispiel in Deutschland ist das Projekt Gesunde Stadt Witten (GeWIT). Die Umsetzung begann zunächst an zwei Wittener Gesamtschulen. Nach einer Einführung in das Positive-Health-Konzept entwickelten Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte in einem partizipativen Prozess eigene Maßnahmen zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden im Schulalltag.
Aufbauend auf diesen Erfahrungen wurde der Ansatz schrittweise auf weitere kommunale Handlungsfelder übertragen.
Heute dient Positive Health als gemeinsamer Bezugsrahmen für unterschiedliche Initiativen der Gesundheitsförderung und sozialen Teilhabe. Dazu gehören unter anderem der Health-Kiosk, Maßnahmen gegen Einsamkeit sowie die Förderung gesundheitsbezogener Mikroprojekte, die von Bürgerinnen und Bürgern entwickelt und vor Ort umgesetzt werden. Darüber hinaus wurden Ehrenamtliche im Positive-Health-Ansatz geschult, um ältere Menschen zu Hause zu besuchen, soziale Kontakte zu stärken und bei Bedarf den Zugang zu passenden Unterstützungsangeboten zu erleichtern. Aus dem Projekt gingen außerdem verschiedene Begegnungs- und Informationsveranstaltungen hervor, die den Austausch im Quartier fördern.
Das Wittener Beispiel zeigt, wie Positive Health bestehende kommunale Angebote nicht ersetzt, sondern unter einer gemeinsamen ressourcenorientierten Perspektive verbindet und weiterentwickelt (Stadt Witten 2026; Universität Witten/Herdecke 2025).
Abbildung 2: Schulung von Ehrenamtlichen des freiwilligen Besuchsdienstes zum Konzept Positive Health (Stadt Witten 2026)

Positive Health: weitere Informationen und Ausblick
Trotz der vielversprechenden Erfahrungen bleibt die Umsetzung anspruchsvoll. Positive Health ersetzt keine bestehenden Strukturen, sondern setzt funktionierende Netzwerke und eine koordinierte Vorgehensweise voraus. Gleichzeitig ist die wissenschaftliche Evidenz zu langfristigen Wirkungen noch begrenzt (van Vliet et al. 2024; Grootjans et al. 2024).
Um die Erfahrungen von Kommunen mit dem noch jungen Konzept Positive Health zusammenzuführen, bieten die Dachorganisationen Positive Health International und Positive Gesundheit Deutschland e.V. für die Akteure verschiedene Austauschplattformen sowie ein Symposion am 23.02.2027 in Nordrhein-Westfalen zum Thema „Positive Health in der regionalen Gesundheitsversorgung“ an (weitere Informationen ab September 2026 unter www.positive-gesundheit.eu).
Zudem finden sich weitere nationale und internationale Praxisbeispiele sowie Informationen zur Umsetzung bei Positive Health International sowie Positive Gesundheit Deutschland.
Positive Health bietet nicht nur ein Konzept für die individuelle Gesundheitsförderung, sondern auch eine gemeinsame Sprache für eine koordinierte und gemeinschaftliche Gesundheitsförderung im sozialen Raum. In der individuellen Beratung beginnt Positive Health mit der Frage: „Was ist Ihnen wichtig?“ Auf kommunaler Ebene wird daraus die Frage: „Was brauchen die Menschen vor Ort, damit das, was ihnen wichtig ist, auch gemeinsam gestaltet und gelebt werden kann?“
Prof. Dr. med. Achim Mortsiefer | Seit 2021 Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin II und Patientenorientierung in der Primärversorgung am Institut für Allgemeinmedizin und Ambulante Gesundheitsversorgung (iamag) der Universität Witten/Herdecke. Schwerpunkte: Arzt-Patient-Kommunikation, klinische Entscheidungsfindung, Arzneimitteltherapiesicherheit, interprofessionelle Versorgung bei Multimorbidität, Risikokommunikation und digitale Anwendungen in der Praxis.
Sandra Herold | Sozialarbeiterin und seit Januar 2026 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin und Ambulante Gesundheitsversorgung (iamag) an der Universität Witten/Herdecke im Projekt “Positive Health Innovation“.
Literaturverzeichnis:
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Brautigam F, van Eijden M, Hagenauw E, Vogel S (2022) A Policy Brief as the Tool to Anchor positive health in Municipal Health Policy. Online verfügbar unter: https://publiekegezondheid.nl/docs/publicatie/hoe-kan-een-gemeente-positieve-gezondheid-invoeren.pdf (zuletzt geprüft 16.08.2026)
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