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08.07.2026
Gastbeitrag von Prof. Dr. med. Achim Mortsiefer und Dr. Sophie Peter

Positive Health: Gesundheit beginnt mit den richtigen Fragen

Positive Health ist ein gesundheitsförderlicher Ansatz, der in Niederlanden bereits in der Primärversorgung und in Kommunen umgesetzt wird. Prof. Dr. med. Achim Mortsiefer und Dr. Sophie Peter von der Universität Witten/Herdecke berichten über die dialogorientierte Methode, die auch in Deutschland erste Anwendung findet und vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert wird.

Univ.-Prof. Dr. med. Achim Mortsiefer Universität und Dr. Sophie Peter, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Witten/Herdecke
© Universität Witten/Herdecke (links); © Susanne Kersten/iamag Universität Witten/Herdecke (rechts)

 

Wie lässt sich Gesundheit fördern, ohne Menschen auf Diagnosen, Risikofaktoren oder Laborwerte zu reduzieren? Das in den Niederlanden entwickelte Konzept „Positive Health“ setzt hier an. Es fragt nicht zuerst nach Defiziten, sondern nach Ressourcen, Sinn, Alltag, Teilhabe und der Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen.

Entwickelt wurde Positive Health von der niederländischen Hausärztin und Wissenschaftlerin Machteld Huber (Huber 2021). Ausgangspunkt war die Kritik an einem statischen Gesundheitsverständnis. Die klassische WHO-Definition von Gesundheit als vollständiges körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden war historisch wichtig, wirkt aber im Alltag oft unerreichbar. Huber schlug 2011 eine dynamische Definition vor: Gesundheit ist „die Fähigkeit, mit sozialen, körperlichen und emotionalen Herausforderungen umzugehen und selbstbestimmt mit ihnen zu leben“ (Huber et al. 2016). Das knüpft an Antonovskys Salutogenese an, nach der Menschen sich stets in einem Kontinuum zwischen Gesundheit und Krankheit bewegen (Antonovsky 1997).

Gesundheitsförderung in diesem Sinne öffnet den Blick von Risikofaktoren und Defiziten auf Ressourcen, Selbstwirksamkeit und Lebensqualität. Viele Menschen leben mit chronischen Erkrankungen oder Belastungen und erleben sich trotzdem als handlungsfähig, verbunden und zufrieden. Gesundheitsziele leiten sich letztlich von Lebenszielen ab, die den Beteiligten oft nicht bewusst sind. Ein effektiver Stimulus zur Aktivierung eines Individuums besteht nach Machteld Huber in einer einfachen Frage: „Was bringt deine Augen zum Leuchten?“ (Huber 2021). Huber beschreibt die Grundhaltung der Arbeit mit Positive Health so:

„Wenn man anknüpft an das, was den Menschen wichtig ist, dann hat man die größte Chance, dass die Menschen ihre eigene Verantwortung übernehmen und auch in der Lage sind, in Bewegung zu kommen. Es spricht jemanden in seiner eigenen Kraft an.“ (Huber 2021)

Das Konzept wurde in den Niederlanden zunächst in der Primärversorgung entwickelt und erprobt (van Vliet et al. 2024). Später wurde Positive Health auch in Krankenhäusern, Schulen, Sozialeinrichtungen sowie auf übergeordneter Ebene in Kommunen und der Gesundheitspolitik eingesetzt (Huber 2021; Bock et al. 2021) .


Der „andere“ Dialog

Die individuelle Beratung nach dem Positive Health – Konzept zielt darauf ab, die Beziehungen zwischen Behandelnden und Patientinnen und Patienten zu verbessern und während der Konsultationen eine umfassende Perspektive auf die Gesundheit zu fördern. In einem offenen und patienten-zentrierten Dialog zu allen Dimensionen der Gesundheit im Kontext der individuellen Lebenssituation sollen die Ressourcen der Patientinnen und Patienten exploriert und im Sinne des Empowerment aktiviert und gestärkt werden (Mortsiefer und van den Brekel-Dijkstra 2024).

Für den Gesprächsprozess zur positiven Gesundheit nach Huber wird ein „Spinnennetz-Diagramm“ mit den sechs Gesundheitsdimensionen verwendet. Die zu behandelnde bzw. die zu beratene Personen werden gebeten, ihre Gesundheit unter der Überschrift „Wie geht es Ihnen?“ für alle 6 Komponenten jeweils zwischen Null (schlechtmöglichster Zustand) und Zehn (bestmöglicher Zustand) zu bewerten. Das Ergebnis soll in ein Diagramm in Form eines „Spinnennetzes“ aufgetragen werden und bildet den Ausgangspunkt für eine moderierte Selbstreflexion (siehe Abbildung 1) (van Vliet et al. 2021).

Abbildung 1: Spinnennetz-Diagramm

Abbildung 1.: Spinnennetz © Positive Health International (PHI)/institute for Positive Health (iPH)



In dem anschließenden, sogenannten „anderen Gespräch“ soll die beratende Person das eigene Expertenwissen zurückstellen und zunächst nur zuhören. Dafür werden zwei initiale offene Fragen gestellt: „Was fällt Ihnen auf?“ und „Was ist für Sie wichtig?“. Dabei erhält das Gegenüber die Gelegenheit, eigene Priorisierungen vorzunehmen und angeregt durch die anschließende Leitfrage „Was können Sie tun?“ selbst mögliche Veränderungsschritte zu identifizieren. Es kann sich dabei um Schritte handeln, die von den Expertinnen und Experten nicht erwartet wurden, die aber – weil sie aus der Eigeninitiative kommen – eine höhere Chance auf Realisierung haben als allgemeine Ratschläge. Das „andere Gespräch“ soll mit zwei weiteren Fragen abschließen: „Was ist Ihr erster Schritt?“ und „Was brauchen Sie?“. Hier ist dann wiederum das Expertenwissen gefragt, wenn die zu beratende Person z.B. darin unterstützt wird, ein bestimmtes gesundheitsförderndes Angebot in der Region zu finden oder eine weitergehende psychosoziale Beratung vermittelt wird (Huber 2021). Darin berührt Positive Health die Idee des „Social Prescribings“ (d. h. Ärztinnen und Ärzte verordnen“ Maßnahmen, um soziale und emotionale Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten zu fördern) (Kimberlee 2015).

Die Forschung zu Positive Health ist noch jung. Studien zeigen vor allem eine gute Akzeptanz und Machbarkeit (Huber et al. 2016; Doornenbal et al. 2022). Klinische Endpunkte sind noch nicht ausreichend durch randomisierte Studien belegt. Positive Health ist daher kein fertiges Rezept, sondern ein Konzept, das kontextabhängig angepasst und wissenschaftlich begleitet werden muss (Bahrs 2025).


Erste Anwendungen in Deutschland

In Deutschland ist Positive Health noch wenig verbreitet, gewinnt aber an Sichtbarkeit. Ein wichtiger Schritt ist das Innovationsfonds-Projekt „Positive Health Innovation“ (Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss n.d.). Es entwickelt und evaluiert ein strukturiertes Beratungskonzept für die hausärztliche Versorgung in den drei Gesundheitsnetzen Essen-Nord, Wetter (Ruhr) und Südpfalz. Ziel ist, Patientinnen und Patienten durch Positiv Health in ihrer Sorge um das eigene Wohlergehen zu unterstützen, das gesamte Praxisteam einzubeziehen und bei Bedarf passende lokale Angebote oder digitale Anwendungen zu vermitteln. Das Projekt wird vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses für drei Jahre mit rund 2,5 Millionen Euro gefördert (Förderkennzeichen: 01VSF24030) (POSITIVE HEALTH INNOVATION 2025).

Auch außerhalb der Arztpraxis gibt es erste Beispiele. In Witten wurde Positive Health im Rahmen des Projekts „Gesunde Stadt Witten“ an zwei Gesamtschulen erprobt und mit dem Gesundheitspreis 2024 des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Die sechs Dimensionen des Spinnennetz-Diagramms wurden kindgerecht übersetzt und heißen unter anderem „Mein Körper“, „Meine Gefühle und Gedanken“, „Jetzt und Später“, „Sich beteiligen“ und „Das tägliche Leben“ (Stadt Witten 2026). An der Holzkamp-Gesamtschule wurde ein Peer-Ansatz gewählt. Ältere Schülerinnen und Schüler wurden als buddYs geschult und begleiteten jüngere bei kleinen Gesundheitsvorhaben und Fragen des Schulalltags. An der Otto-Schott-Gesamtschule lernten sechste Klassen Positive Health im Klassenverband kennen. In mehreren Einheiten sprachen die Schülerinnen und Schüler über Gefühle, Körper, Konflikte, Ernährung, mentale Stärke und soziale Beziehungen. Ergänzend gab es freiwillige Mittagsangebote in kleineren Gruppen.

Gerade in Schulen zeigt sich, dass Gesundheitsförderung mehr ist als Information über Vitamine, Sport oder Bildschirmzeit. Die ersten Rückmeldungen aus Witten deuten darauf hin, dass Themen wie Mobbing, ständiges Ärgern, Schlafprobleme, Einsamkeit und familiäre Konflikte viel Raum einnehmen können. Viele Kinder müssen erst lernen, eigene Ziele zu formulieren. Einige erleben ihre Welt als kaum veränderbar. Positive Health kann hier ein Türöffner sein, weil es nicht mit Belehrung beginnt, sondern mit dem ernst gemeinten Zuhören darauf, was den Schülerinnen und Schülern wichtig ist.


Prof. Dr. med. Achim Mortsiefer | Seit 2021 Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin II und Patientenorientierung in der Primärversorgung am Institut für Allgemeinmedizin und Ambulante Gesundheitsversorgung (iamag) der Universität Witten/Herdecke. Schwerpunkte: Arzt-Patient-Kommunikation, klinische Entscheidungsfindung, Arzneimitteltherapiesicherheit, interprofessionelle Versorgung bei Multimorbidität, Risikokommunikation und digitale Anwendungen in der Praxis.

Dr. Sophie Peter | Seit 2022 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin und Ambulante Gesundheitsversorgung (iamag) der Universität Witten/Herdecke. Schwerpunkte: Versorgungsforschung mit allgemeinmedizinischem Fokus in den Bereichen Multimedikation, Schnittstelle zwischen ambulanter- und stationärer Versorgung sowie Prävention.


Literaturverzeichnis:

Antonovsky, Aaron (1997): Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Hg. v. Alexa Franke. Tübingen: dgvt Verlag (Forum für Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, Band 36). Online verfügbar unter http://d-nb.info/952269910/04.

Bock, Lotte A.; Noben, Cindy Y. G.; Yaron, Gili; George, Erwin L. J.; Masclee, Adrian A. M.; Essers, Brigitte A. B.; van Mook, Walther N. K. A. (2021): Positive Health dialogue tool and value-based healthcare: a qualitative exploratory study during residents' outpatient consultations. In: BMJ open 11 (11), e052688. DOI: 10.1136/bmjopen-2021-052688.

Doornenbal, Brian M.; Vos, Rimke C.; van Vliet, Marja; Kiefte-De Jong, Jessica C.; van den Akker-van Marle, M. Elske (2022): Measuring positive health: Concurrent and factorial validity based on a representative Dutch sample. In: Health & social care in the community 30 (5), e2109-e2117. DOI: 10.1111/hsc.13649.

Huber, M.; van Vliet, M.; Giezenberg, M.; Winkens, B.; Heerkens, Y.; Dagnelie, P. C.; Knottnerus, J. A. (2016): Towards a 'patient-centred' operationalisation of the new dynamic concept of health: a mixed methods study. In: BMJ open 6 (1), e010091. DOI: 10.1136/bmjopen-2015-010091.

Huber, Machteld (2021): Handbook Positive Health in Primary Care. The Dutch Example. Unter Mitarbeit von Hans-Peter Jung und Karolien van den Brekel-Dijkstra. Houten: Bohn Stafleu en van Loghum. Online verfügbar unter https://ebookcentral.proquest.com/lib/kxp/detail.action?docID=6803020.

Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (Hg.) (n.d.): PositiveHealth - Entwicklung und Pilotierung eines neuen Dialogs zur Gesundheitsförderung in der Primärversorgung. Online verfügbar unter https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/positivehealth.696, zuletzt aktualisiert am n.d., zuletzt geprüft am 06.07.2026.

Kimberlee, Richard (2015): What is social prescribing? In: ASSRJ 2 (1). DOI: 10.14738/assrj.21.808.

Mortsiefer, Achim; van den Brekel-Dijkstra, Karolien (2024): Positive Health: ein neues Konzept aus den Nieder- landen für die Gesundheitsförderung und Prävention. In: Anne-Kathrin Klemm, Franz Knieps, Holger Pfaff und Ines Bauer (Hg.): Spurwechsel Prävention. Berlin: MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (BKK Gesundheitsreport, 2024), S. 172-178. Online verfügbar unter https://www.bkk-dachverband.de/fileadmin/Artikelsystem/BKK_Gesundheitsreport/BKK_Gesundheitsreport_2024/BKK_Gesundheitsreport_2024.pdf.

POSITIVE HEALTH INNOVATION (Hg.) (2025): POSITIVE HEALTH INNOVATION: ein gesundheitsfördernder Ansatz in der hausärztlichen Praxis. Online verfügbar unter https://www.positive-health-innovation.de/, zuletzt aktualisiert am 2025, zuletzt geprüft am 01.07.2026.

Stadt Witten (Hg.) (2026): Meine positive Gesundheit. Online verfügbar unter https://www.witten.de/portal/seiten/meine-positive-gesundheit-900000567-37500.html, zuletzt aktualisiert am 2026, zuletzt geprüft am 01.07.2026.

van Vliet, Marja; Doornenbal, Brian M.; Boerema, Simone; van den Akker-van Marle, Elske M. (2021): Development and psychometric evaluation of a Positive Health measurement scale: a factor analysis study based on a Dutch population. In: BMJ open 11 (2), e040816. DOI: 10.1136/bmjopen-2020-040816.

van Vliet, Marja; Kleijn, Miriam de; van den Brekel-Dijkstra, Karolien; Huijts, Tim; van Hogen-Koster, Sandra; Jung, Hans Peter; Huber, Machteld (2024): Rapid Review on the Concept of Positive Health and Its Implementation in Practice. In: Healthcare (Basel, Switzerland) 12 (6). DOI: 10.3390/healthcare12060671.