17.06.2026
Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft
Gesundheitsförderung und wirtschaftliche Potenzialfelder
BVPG-Geschäftsführerin Dr. Gisela Nellessen-Martens diskutierte auf der 21. Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft in Rostock über Gesundheitsförderung und wirtschaftliche Potenzialfelder. Im Mittelpunkt standen Gesundheitskompetenz, Prävention in Lebenswelten und die Frage, welchen Beitrag die Gesundheitswirtschaft leisten kann.
Am 11. Juni 2026 nahm BVPG-Geschäftsführerin Dr. Gisela Nellessen-Martens auf der 21. Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft in Rostock an der Podiumsdiskussion „Gesundheitsförderung und wirtschaftliche Potentialfelder“ teil. Nach einem Impulsvortrag von Dr. Heinz-Wilhelm Esser („Doc Esser“), Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie am Sana-Klinikum Remscheid, fand im Ostseesaal eine Podiumsdiskussion statt. Neben der BVPG-Geschäftsführerin waren auf dem Podium vertreten: Ministerin Stefanie Drese MdL, Ministerin für Soziales, Gesundheit und Sport des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Christine Klingohr MdL, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag Mecklenburg-Vorpommern sowie Daniel Cardinal, Leiter des Geschäftsbereichs Innovation & ambulante Versorgung der Techniker Krankenkasse. Moderiert wurde die Runde von Jürgen Zurheide, Korrespondent des Tagesspiegels und der Stuttgarter Zeitung.
Es bestand Einigkeit darüber, dass Prävention und Gesundheitsförderung für ein zukunftsfähiges Gesundheitswesen weiter an Bedeutung gewinnen müssen. Deutlich wurde zugleich: Prävention darf nicht erst dort ansetzen, wo Risiken bereits messbar oder Erkrankungen eingetreten sind. Entscheidend sei vielmehr, Bedingungen zu schaffen, unter denen Gesundheit im Alltag entstehen und erhalten werden kann.
Gesundheitskompetenz nicht nur individuell denken
Eine wichtige Voraussetzung dafür ist Gesundheitskompetenz. Sie beschreibt die Fähigkeit, gesundheitsbezogene Informationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und für Entscheidungen im Alltag zu nutzen. Nellessen-Martens betonte in der Diskussion jedoch, dass Gesundheitskompetenz nicht allein als Fähigkeit der einzelnen Person verstanden werden sollte.
Auch Organisationen und Lebenswelten müssten gesundheitskompetenter werden – etwa Arztpraxen, Schulen, Betriebe, Quartiere, Kommunen, Krankenkassen und digitale Angebote. Sie sollten so gestaltet sein, dass Menschen Informationen verstehen, Unterstützung finden und ihre Gesundheit im Alltag stärken können.
Zugleich verwies Nellessen-Martens darauf, dass Gesundheitskompetenz häufig stark kognitiv gedacht werde: als Wissen darüber, wo Informationen zu finden sind, wie sie eingeordnet werden können und was daraus folgt. Wichtig sei aber auch, dass Menschen Gesundheit erfahren und erleben können – etwa durch Bewegungsfreude, Selbstwirksamkeit, soziale Unterstützung, Entlastung und Zugehörigkeit. Diese erfahrungs- und motivationsbezogene Seite von Gesundheit komme in der Debatte häufig zu kurz.
Menschen nicht zu passiv adressieren
In der Diskussion über geringes Gesundheitsbewusstsein und ungesunde Lebensweisen gab Nellessen-Martens zu bedenken, dass das Gesundheitswesen selbst zu der Haltung beitragen könne, die anschließend häufig beklagt werde. „Je professioneller ein System, desto mehr verlässt sich der Einzelne auf das System“, so Nellessen-Martens. „Wenn Versicherte vor allem als passive Empfängerinnen und Empfänger von Leistungen angesprochen werden, werden Eigenaktivität, Selbstwirksamkeit und Mitgestaltung nicht gefördert.“
Gesundheitsförderung bedeutet nicht, Verantwortung einseitig auf den Einzelnen zu verlagern. Vielmehr geht es darum, Menschen in ihrer Handlungsfähigkeit zu stärken und zugleich die Bedingungen zu verändern, unter denen gesundheitsbezogene Entscheidungen getroffen werden.
Denn Verhalten hängt nicht allein von Motivation, Wissen oder Einsicht ab. Es hängt auch davon ab, ob gesunde Optionen im Alltag erreichbar, attraktiv, bezahlbar und sozial anschlussfähig sind.
Gesundheitswirtschaft kann Prävention einen Schub geben
Mit Blick auf die Potenziale für die Gesundheitswirtschaft hob Nellessen-Martens hervor, dass wirtschaftliche Akteure häufig gut darin seien, Bedarfe zu erkennen, Angebote nutzerorientiert zu entwickeln und Zielgruppen tatsächlich zu erreichen. Diese Innovationskraft könne der Prävention und Gesundheitsförderung einen wichtigen Schub geben – insbesondere dann, wenn sie in Lebenswelten wirksam werde.
Gleichzeitig gab Nellessen-Martens zu bedenken, dass sich Märkte häufig an zahlungskräftiger Nachfrage orientieren. Prävention und Gesundheitsförderung müssten jedoch besonders auch diejenigen erreichen, die schlechtere Gesundheitschancen haben. Deshalb reiche es nicht aus, Prävention vor allem als Markt für digitale Anwendungen, Diagnostik, Früherkennungstests oder Biomarker zu verstehen.
Solche Angebote könnten im Einzelfall sinnvoll sein. Sie schafften aber noch keine Gesundheit. Früherkennungstests und Biomarker könnten Hinweise liefern – Gesundheit entstehe jedoch nicht durch Messung allein, sondern durch gesundheitsförderliche Lebensbedingungen.
Was stärker in den Blick rücken müsse, seien Lebenswelten-Prävention und Verhältnisprävention: also die Frage, wie Kitas, Schulen, Kommunen, Quartiere, Betriebe und Pflegeeinrichtungen so gestaltet werden können, dass Gesundheit im Alltag wahrscheinlicher wird.
Genau hier werde es für die Gesundheitswirtschaft anspruchsvoll. Die Zielgruppen seien dann häufig nicht einzelne Verbraucherinnen und Verbraucher, sondern Städte, Gemeinden, die Landesvereinigungen und -zentren für Gesundheit, Schulen, Träger, Vereine, Betriebe oder soziale Einrichtungen. Der Nutzen entstehe oft nicht unmittelbar, sondern langfristig – etwa durch bessere Teilhabe, gesünderes Aufwachsen, mehr Bewegung, weniger Belastungen oder vermiedene Folgekosten.
Gesündere Optionen attraktiv und selbstverständlich machen
Am Beispiel alkoholfreier Alternativen machte Nellessen-Martens deutlich, dass Verhalten nicht nur eine Frage individueller Motivation ist. Es sei leichter, keinen Alkohol zu trinken, wenn attraktive alkoholfreie Alternativen verfügbar, sichtbar und sozial akzeptiert seien.
Hier habe der Markt in den vergangenen Jahren positiv reagiert: Alkoholfreies Bier, alkoholfreier Sekt oder andere Alternativen seien heute deutlich selbstverständlicher als noch vor einigen Jahren. Damit verändere sich auch Alltagskultur. Menschen könnten an sozialen Situationen teilhaben, ohne dass Verzicht im Vordergrund stehe. Dieses Beispiel zeige, dass Märkte auch gesundheitsförderliche Normalität mitprägen können.
Prävention muss nicht immer als Belehrung oder Zusatzprogramm daherkommen. Sie kann auch bedeuten, gesündere Optionen so attraktiv und selbstverständlich zu machen, dass Menschen sie gern wählen.
Prävention als gemeinsame Gestaltungsaufgabe
Die Diskussion machte deutlich: Prävention und Gesundheitsförderung sind nicht allein Aufgaben des Gesundheitswesens. Sie betreffen viele Lebensbereiche und erfordern das Zusammenwirken von Politik, Sozialversicherung, Kommunen, Zivilgesellschaft, Versorgung und Gesundheitswirtschaft.
Den hohen Stellenwert von Gesundheit unterstrich auch Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin des Landes Mecklenburg-Vorpommern, in ihrer Eröffnungsrede. Mecklenburg-Vorpommern hat in den vergangenen Jahren in der ressortübergreifenden Gesundheitsförderung bereits wichtige Strukturen aufgebaut. Der Health in All Policies-Ansatz – also die Berücksichtigung von Gesundheit in unterschiedlichen Politik- und Handlungsfeldern – ist im Land nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern wird in der Praxis bereits aufgegriffen. Das ist bedeutsam, weil Gesundheit nicht allein im Gesundheitsressort entsteht, sondern ebenso durch Bildung, Arbeit, kommunale Entwicklung, soziale Teilhabe, Mobilität, Umwelt und Wirtschaft beeinflusst wird.
Aus Sicht der BVPG ist dieser Ansatz zentral: Gesundheitsförderung muss stärker als Gestaltungsprinzip für Lebenswelten verstanden werden. Sie braucht tragfähige Strukturen in Kitas, Schulen, Kommunen, Quartieren, Betrieben und Pflegeeinrichtungen – und sie braucht Akteure, die Verantwortung gemeinsam übernehmen.
In der Diskussion wurde zugleich deutlich, dass Krankenkassen Prävention und Gesundheitsförderung nicht allein finanzieren und tragen können. Sie sind wichtige Partner, aber die Verantwortung muss auf viele Schultern verteilt werden. Wenn Gesundheit in allen Lebensbereichen entsteht, müssen auch die entsprechenden Akteure beteiligt sein: Länder, Kommunen, Sozialversicherungsträger, Bildungseinrichtungen, Arbeitgeber, Zivilgesellschaft und Gesundheitswirtschaft.
Damit wurde auf der Branchenkonferenz ein zentraler Punkt sichtbar: Prävention ist keine Zusatzleistung einzelner Akteure, sondern eine gemeinsame Zukunftsaufgabe. Entscheidend wird sein, wirtschaftliche Innovationskraft, öffentliche Verantwortung und gesundheitliche Chancengerechtigkeit so zusammenzubringen, dass gesundheitsförderliche Lebenswelten entstehen - und Gesundheit im Alltag für mehr Menschen wahrscheinlicher wird.
Foto: Dr. Heinz-Wilhelm Esser („Doc Esser“); Ministerin Stefanie Drese MdL, Ministerin für Soziales, Gesundheit und Sport des Landes Mecklenburg-Vorpommern; BVPG-Geschäftsführerin Dr. Gisela Nellessen-Martens; Moderator Jürgen Zurheide, Christine Klingohr MdL, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag Mecklenburg-Vorpommern; Daniel Cardinal, Techniker Krankenkasse, (v.l.n.r.).
