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Talkrunde zu Prävention im Wandel

Vom Reparieren zur Stärkung von Gesundheit

In der Diskussionssendung „MB DIREKT“ des Marburger Bundes diskutierten Expertinnen und Experten aus Politik, Selbstverwaltung und Gesundheitsförderung über die Zukunft der Prävention. Die Diskussion machte unterschiedliche Perspektiven auf die Rolle von Prävention im Gesundheitssystem deutlich - von strukturellen politischen Maßnahmen bis hin zu individuellen und lebensweltbezogenen Ansätzen. Auch die BVPG brachte ihre Perspektive in diesen Austausch ein.

Talkrunde MB DIREKT:  (v.l.n.r.) Sabine Rieser (Moderation), Oliver Huizinga (AOK-Bundesverband), Dr. Susanne Johna (Marburger Bund Bundesverband), Johannes Wagner MdB (Fraktion Bündnis 90/Die Grünen), Dr. Gisela Nellessen-Martens (BVPG)
© Marburger Bund

 

Welche Rolle kann Prävention künftig im Gesundheitssystem spielen — und wie lässt sich ihr Potenzial besser nutzen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der aktuellen Ausgabe der Diskussionssendung „MB DIREKT“ des Marburger Bundes unter dem Titel „System im Wandel — Prävention als Antwort auf Demografie und Kostenkrise?“.

Unter der Moderation der Journalistin Sabine Rieser diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens: Dr. Susanne Johna (Marburger Bund), Oliver Huizinga (AOK-Bundesverband), Johannes Wagner MdB (Bündnis 90/Die Grünen) sowie Dr. Gisela Nellessen-Martens (BVPG).

Ein gemeinsamer Ausgangspunkt der Diskussion war die Einschätzung, dass Prävention eine zentrale gesundheitspolitische Gestaltungsaufgabe darstellt. Gleichzeitig wurde deutlich, dass ihre Potenziale bislang nicht ausreichend ausgeschöpft werden. Dabei wurden sowohl verhaltensbezogene als auch strukturelle Ansätze thematisiert. Einstimmig forderte die Diskussionsrunde politische Maßnahmen insbesondere im Bereich der Regulierung von Alkohol-, Tabak- und Zuckerkonsum.

Dr. Susanne Johna (Marburger Bund) betonte in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit, Prävention stärker politisch zu priorisieren und über alle Präventionsstufen hinweg auszubauen — auch mit Blick auf bereits erkrankte Menschen.

Johannes Wagner MdB verwies auf die Bedeutung von Verhältnisprävention und politischen Steuerungsinstrumenten, etwa im Bereich der Steuer- und Ernährungspolitik, um gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen zu stärken.

Oliver Huizinga (AOK-Bundesverband) hob hervor, dass Krankenkassen Präventionsangebote zielgerichteter einsetzen könnten, wenn rechtliche Rahmenbedingungen eine individuellere Ansprache von Versicherten ermöglichen würden.


Gesundheit gestalten statt Krankheit verwalten

Dr. Gisela Nellessen-Martens kritisierte in der Diskussion, dass Prävention im bestehenden Gesundheitssystem zu häufig aus der Perspektive von Krankheit gedacht werde. Maßnahmen wie Früherkennungsuntersuchungen zielten darauf ab, Krankheiten möglichst früh zu erkennen — sie tragen jedoch nicht automatisch zur Entstehung von Gesundheit bei.

Sie plädierte für eine stärkere Fokussierung auf die aktive Förderung von Gesundheit. Gesundheitsverhalten sei nicht allein das Ergebnis individueller Entscheidungen und Kompetenzen, sondern werde maßgeblich durch Umwelt, soziale Lage und kulturelle Rahmenbedingungen beeinflusst.

Settingbezogene Ansätze — etwa in Kommunen, Bildungseinrichtungen oder Betrieben — könnten dazu beitragen, gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen zu schaffen und Menschen in ihrem Alltag zu unterstützen.

Auch die Versorgung selbst wurde in der Diskussion als wichtiger Ansatzpunkt hervorgehoben. Arztpraxen könnten eine zentrale Rolle dabei spielen, Patientinnen und Patienten nicht nur medizinisch zu versorgen, sondern auch gesundheitsförderliches Verhalten anzusprechen und zu begleiten.


Strukturelle und kommunale Ansätze ausbauen

Neben individuellen Maßnahmen wurde die Bedeutung struktureller Ansätze hervorgehoben.

Dazu gehören zielgruppenspezifische Strategien, etwa in Quartieren mit besonderen gesundheitlichen Herausforderungen. Lokale Netzwerke, persönliche Ansprache und niedrigschwellige Angebote könnten hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Zugleich wurde deutlich, dass Prävention in hohem Maße auch von zivilgesellschaftlichem Engagement getragen wird. Ehrenamtliche Strukturen und kommunale Initiativen spielen eine zentrale Rolle bei der Umsetzung von Gesundheitsförderung vor Ort und sollten entsprechend gestärkt werden.

Mehrfach wurde betont, dass Prävention nur im Zusammenspiel verschiedener Akteure wirksam umgesetzt werden kann.


Weiterführende Links

Die Sendung des Marburger Bundes „MB DIREKT: System im Wandel — Prävention als Antwort auf Demografie und Kostenkrise?“ steht auf dessen Website zur Verfügung.

In einem Beitrag vom 23. April 2026 hat das Deutsche Ärzteblatt die Diskussion der Talkrunde unter dem Titel „Lebenswelten gesünder gestalten statt mehr Screenings einführen“ aufgegriffen.