Gastbeitrag von Dr. Sandra Zimmermann und Ceyda Ural
Prävention als volkswirtschaftlicher Treiber
Dr. Sandra Zimmermann und Ceyda Ural vom WifOR Institute skizzieren in ihrem Gastbeitrag evidenzbasierte Perspektiven für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem. Prävention übernimmt dabei eine Schlüsselfunktion: Sie liefert messbare ökonomische Effekte, stabilisiert unsere Gesellschaft und ist entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung.
Gesundheitspolitische Strategien in Deutschland sind traditionell stark auf kurative Versorgung ausgerichtet, stehen jedoch zunehmend vor strukturellen Herausforderungen: (doppelter) demografischer Wandel und wachsende Verbreitung chronischer Erkrankungen sind zentrale Treiber der Gesundheitsausgaben bei gleichzeitig begrenzten fiskalischen Spielräumen. Diese Entwicklungen wirken sich nicht nur innerhalb des Gesundheitssystems aus. Neben direkten Behandlungskosten entstehen volkswirtschaftliche Effekte wie Produktivitätsverluste, krankheitsbedingte Fehlzeiten, reduzierte Erwerbsbeteiligung und vorzeitige Renteneintritte. Gesundheit ist damit nicht nur ein individuelles Gut, sondern ein zentraler Faktor wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und sozialer Stabilität.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass eine rein reaktive Versorgungslogik langfristig unzureichend ist. Prävention gewinnt an Bedeutung, da sie Krankheitsrisiken senken kann, früher ansetzt und individuelle wie systemische Belastungen begrenzt.
Aus gesundheitsökonomischer, aber auch volkswirtschaftlicher Perspektive lässt sich ihre Relevanz entlang von drei zentralen Dimensionen systematisch darstellen:
- ihrem ökonomischen Wertbeitrag (Return on Investment),
- ihrer systemstabilisierenden Funktion in der Gesundheitswirtschaft sowie
- ihrem Beitrag zu gesamtgesellschaftlichen Nachhaltigkeitszielen.
1. Investitionen in Gesundheit lohnen sich und erzielen einen Return on Investment (ROI)
Die Gesundheitswirtschaft ist einer der größten Branchen in Deutschland - über 12 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) entstehen innerhalb der Gesundheitswirtschaft und mit 7,7 Millionen Erwerbstätigen sind über 16 Prozent aller Beschäftigten in der Gesundheitswirtschaft tätig. Jeder Euro Bruttowertschöpfung, der in der Gesundheitswirtschaft erwirtschaftet wird, erzeugt weitere 0,81 EUR in der Gesamtwirtschaft. Jeder 2. Beschäftigte innerhalb der Gesundheitswirtschaft sichert einen weiteren Arbeitsplatz außerhalb der Branche.
Unsere gesundheitsökonomischen Analysen zeigen zudem, dass gezielte Präventionsprogramme eine substanzielle wirtschaftliche Rendite liefern können. In Deutschland generiert jede Investition in die Prävention von Gebärmutterhalskrebs (Pap-Test) innerhalb von drei Jahren fast das Doppelte an ökonomischen Renditen1.
Diese Befunde unterstreichen einen wichtigen Paradigmenwechsel: Gesundheitsausgaben sollten nicht primär als Kosten, sondern als Investitionen verstanden werden, die sich auszahlen und einen messbaren ROI erzielen.
2. Prävention bildet den Schlüssel für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem
Prävention wirkt nicht nur kostensenkend, sondern entfaltet darüber hinaus weitreichende systemische Effekte, die sich auch ökonomisch klar messen lassen. Die steigende Prävalenz chronischer Erkrankungen belastet jedoch zunehmend Versorgungsinfrastrukturen und Fachkräfte. Gleichzeitig gefährdet sie die finanzielle Stabilität des Systems. Mehr als die Hälfte aller Erwachsenen in Deutschland lebt mit mindestens einer chronischen Erkrankung2. Diese Erkrankungen verlaufen typischerweise langwierig, erfordern intensive medizinische Betreuung und verursachen kumulative Kosten: sowohl direkte Ausgaben als auch indirekte Effekte wie Produktivitätsverluste, Fehlzeiten und vorzeitige Austritte aus dem Erwerbsleben.
Die ökonomische Dimension zeigt sich deutlich bei Migräne: In Deutschland entstehen jährlich rund 100,4 Mrd. EUR Produktivitätsverluste3, vor allem durch Arbeitsausfälle, Präsentismus und reduzierte Produktivität, während direkte medizinische Kosten nur einen kleineren Anteil ausmachen. Auch kardiovaskuläre Erkrankungen verdeutlichen den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Wertschöpfung: Neben direkten Ausgaben von 64,6 Mrd. EUR4 (2023) fallen weitere 23,4 Mrd. EUR5 (2019) (2019) an Produktivitätsverlusten an, sowohl in bezahlter Erwerbsarbeit als auch in unbezahlter Sorge- und Pflegearbeit.
Trotz der nachweisbaren Vorteile bleibt der Anteil der Ausgaben für Prävention gering: Im Jahr 2023 entfielen in Deutschland lediglich 5 Prozent der Gesundheitsausgaben auf Prävention und Gesundheitsschutz6, obwohl vermeidbare Erkrankungen das System stark belasten. Diese Diskrepanz deutet auf eine strukturelle Unterinvestition hin. Ökonomisch betrachtet ist dies ineffizient: Frühzeitig angesetzte Präventionsmaßnahmen können die Krankheitsinzidenz reduzieren und erzeugen zusätzlich langfristig messbare positive ökonomische Renditen.
3. Prävention und Nachhaltigkeit leisten einen entscheidenden Beitrag zu den SDGs
Präventive Maßnahmen entfalten multiplikative Effekte, die sich auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt auswirken. Auf dieser Grundlage lässt sich Prävention auch als integraler Bestandteil gesamtgesellschaftlicher Nachhaltigkeitsstrategien verstehen.
Vor diesem Hintergrund leisten gezielte präventive Interventionen substanzielle Beiträge zu mehreren der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen:
SDG 3 - Gesundheit und Wohlergehen: Reduktion vermeidbarer Erkrankungen und Stärkung psychischer Gesundheit tragen zu einem gesunden Leben bei.
SDG 8 - Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum: Gesunde Erwerbstätige weisen höhere Produktivität, geringere Fehlzeiten und längere Erwerbsbiografien auf.
SDG 10 - Weniger Ungleichheiten: Sozial differenzierte Präventionsprogramme können gesundheitliche Disparitäten zwischen Bildungs- und Einkommensgruppen sowie geschlechtsspezifische Ungleichheiten (Gender Gaps) reduzieren.
SDG 11 - Nachhaltige Städte und Gemeinden: Bewegungsfördernde Infrastruktur, Luftreinhaltung und gesunde Lebenswelten erhöhen Lebensqualität und Teilhabe.
SDG 13 - Klimaschutz: Klimaschutzmaßnahmen tragen direkt zur Verbesserung der Gesundheit bei, etwa durch die Reduktion von Luftverschmutzung und die Förderung körperlicher Aktivität, wodurch nichtübertragbare Krankheiten verringert werden.
Diese sektorübergreifenden Mehrfachnutzen (Co-Benefits) verdeutlichen, dass Prävention weit über das Gesundheitssystem hinauswirkt. Sie verbindet individuelle Gesundheitsgewinne mit wirtschaftlicher Stabilität, sozialer Teilhabe und ökologischer Transformation. Prävention ist damit nicht nur ein gesundheitspolitisches Instrument, sondern ein zentraler Hebel für nachhaltige und resiliente Gesellschaftsentwicklung.
4. Schlussfolgerungen und strategische Implikationen
Investitionen in Prävention und frühzeitige Intervention sind rationale wirtschaftliche Strategien zur Sicherung von Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltigem Wohlstand. Diese Investitionen lohnen sich somit in mehreren Bereichen: individuell durch verbesserte Lebensqualität und volkswirtschaftlich durch vermiedene Produktivitätsverluste.
Die vorliegende Evidenz erlaubt daher drei zentrale Schlussfolgerungen:
- Investitionen in Gesundheit generieren einen positiven und messbaren Return on Investment.
- Prävention ist ein struktureller Schlüssel zur finanziellen und funktionalen Stabilisierung des Gesundheitssystems.
- 3Prävention leistet einen substanziellen Beitrag zu gesamtgesellschaftlichen Nachhaltigkeitszielen.
Prävention ist keine normative Zusatzoption, sondern eine ökonomisch rationale und gesellschaftlich nachhaltige Strategie. Ihre konsequente strukturelle Verankerung stärkt nicht nur individuelle Gesundheitschancen, sondern auch die langfristige Leistungsfähigkeit, Resilienz und Stabilität der Volkswirtschaft und bildet damit eine zentrale Grundlage für eine gesunde, resiliente und zukunftsfähige Gesellschaft.

Dr. Sandra Zimmermann | ist Head of Scientific Dialogue bei WifOR und Teil des Managementteams. Sie hat mehr als 15 Jahre Erfahrung in der angewandten Wirtschafts- und Sozialforschung und macht sich stark für eine inklusive, gesunde und innovative Gesellschaft. Als erfahrene Makroökonomin fördert sie den Wissenstransfer zwischen Forschung und Wirtschaft. Zudem ist sie Autorin, Dozentin, Expertin für Arbeitsmarktforschung und Gesundheitswirtschaft.
Ceyda Ural | ist beim WifOR Institute im Bereich Public Affairs tätig und arbeitet an der Schnittstelle von Gesundheitswirtschaft, Politik und internationaler Zusammenarbeit. Zuvor sammelte sie Erfahrungen in Public Affairs, Unternehmenskommunikation sowie in internationalen Kontexten. Dabei liegt ihr Fokus auf der wirtschaftlichen Relevanz von Gesundheit.
Quellen:
1 Hernandez-Villafuerte, D. K., Schmitt, M., Fries, J. L. & Müller, M. Novel approaches assessing the value of cancer prevention in Germany. Link
2 Robert Koch-Institut (RKI). Chronisches Kranksein (ab 18 Jahre). Link
3 Seddik, S., et al. (2020). The socioeconomic burden of migraine: An evaluation of productivity losses due to migraine headaches based on a population study in Germany. Cephalalgia, 40(12), 1316-1327. Link
4 Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025). Kreislauferkrankungen sowie psychische und Verhaltensstörungen verursachen zusammen 26,0 % der Krankheitskosten im Jahr 2023. Pressemitteilung Nr. 293 vom 8. August 2025. Abgerufen am 9. März 2026, von Link
5 WifOR (2022). The burden of cardiovascular diseases in Germany. Link (PDF)
6 Robert Koch‑Institut (2025). Präventionsausgaben: Anteil der Präventionsausgaben an den Gesundheitsausgaben im Jahr 2023. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Abgerufen am 9. März 2026, von Link
