Block I: Wissenschaftliche Evidenz und Grundlagen
Bewegungsverhalten in Deutschland: Trends, Ungleichheiten, Potenziale
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„In Deutschland bewegt sich weiterhin die Mehrheit der Erwachsenen und Jugendlichen zu wenig - und die sozialen Unterschiede sind deutlich. Bewegungsförderung bleibt eine zentrale Aufgabe für Public Health.“ Prof. Dr. Julika Loss | |
![]() © AÖGW | Malinka
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Das Bewegungsverhalten der Bevölkerung in Deutschland bleibt trotz positiver Entwicklungen in den letzten Jahren ein zentrales Public-Health-Thema. Daten des Robert Koch-Instituts aus der Studie GEDA 2019/2020-EHIS zeigen, dass weniger als ein Drittel der Erwachsenen die WHO-Empfehlungen zu Ausdauer- und muskelkräftigender Aktivität erreicht. Insbesondere mit zunehmendem Alter nimmt die Häufigkeit körperlicher Bewegung deutlich ab. Gleichzeitig verbringt rund ein Viertel der Bevölkerung täglich acht oder mehr Stunden sitzend - ein Verhalten, das langfristig mit erhöhten Gesundheitsrisiken verbunden ist.
Auch die Alltagsbewegung - etwa zu Fuß gehen oder Radfahren - wird nur eingeschränkt genutzt. Lediglich etwa ein Viertel der Erwachsenen fährt regelmäßig Fahrrad, um Wegstrecken zurückzulegen. Dabei ist aktive Mobilität nicht nur gesundheitsförderlich, sondern kann auch einen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz leisten. Die Daten zeigen, dass Gesundheit wie auch Klimaschutz wichtige Gründe sind, die Menschen dazu bewegen, mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen.
Digitale Bewegungsunterstützung durch Smartwatches oder Fitnessarmbänder wird bislang nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung genutzt (19 %). Besonders ältere Menschen sowie Personen mit schlechterer Gesundheit sind hier unterrepräsentiert. Insgesamt zeigen sich deutliche soziale Gradienten für verschiedene Bewegungsindikatoren: Menschen mit niedriger Bildung erreichen seltener die Bewegungsempfehlungen, bewegen sich in der Freizeit weniger und nutzen seltener das Fahrrad für aktive Mobilität.
Auch bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich ein Handlungsbedarf. Zwar erreicht etwa die Hälfte der 3- bis 15-Jährigen die altersgerechten Bewegungsempfehlungen, doch nimmt die Aktivität nach dem Grundschulalter deutlich ab. Besonders schulische Bewegungsangebote - wie Sport-AGs - erweisen sich als wichtige und sozial ausgewogene Zugangswege zur Bewegungsförderung.
Insgesamt verdeutlichen die Daten, dass das Bewegungsverhalten in Deutschland weiterhin von erheblichen sozialen und altersbezogenen Unterschieden geprägt ist. Notwendig sind zielgruppenorientierte Präventionsstrategien, die Alltagsbewegung, soziale Teilhabe und digitale Unterstützung stärker integrieren und strukturelle Ungleichheiten gezielt adressieren.
Prof. Julika Loss arbeitet seit vielen Jahren zu Prävention und Gesundheitsförderung, u.a. an der Universität Bayreuth, Universität Regensburg sowie dem Australian Centre for Health Promotion in Sydney. Seit 2020 leitet sie am Robert Koch-Institut (RKI) das Fachgebiet „Gesundheitsverhalten". Sie befasst sich mit dem Monitoring von Bewegungsverhalten und dessen Einflussfaktoren.
Weitere Informationen zur BVPG-Statuskonferenz „Bewegung, Sport und Gesundheit“ finden Sie hier.
