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Gastbeitrag von Jörg Marschall | Präventionsforum 2025

Evaluation des NPK-Vorhabens zur gesamtgesellschaftlichen Zusammenarbeit

Gesamtgesellschaftliche Zusammenarbeit ist in der Prävention und Gesundheitsförderung geboten, weil Gesundheit und gesundheitliche Chancengleichheit von Faktoren abhängen, die nicht allein durch das Gesundheitswesen bzw. den Gesundheitssektor beeinflusst werden, erläutert Jörg Marschall, IGES Institut, in seinem Gastbeitrag zum Präventionsforum 2025.

Porträt Jörg Marschall, Bereichsleiter Arbeitswelt & Prävention IGES Institut GmbH
© Studio Monbijou

 

Viele Akteure beeinflussen die Gesundheit und die Lebenswelten von Zielgruppen, indem sie gesundheitsförderliche Angebote unterbreiten oder mitverantwortlich für die gesundheitsförderliche Gestaltung der Lebenswelten sind, in denen sich Zielgruppen aufhalten.

Gesamtgesellschaftliche Zusammenarbeit ist dann gegeben, wenn politisches Handeln systematisch und ressortübergreifend die Auswirkungen von Entscheidungen auf die Gesundheit der Bevölkerung berücksichtigt („Health in All Policies“) und wenn die für ein bestimmtes Thema relevanten Akteure Maßnahmen umsetzen, die auf ein oder mehrere gemeinsame Ziele ausgerichtet sind (Die Nationale Präventionskonferenz 2023).

Wie kann gesamtgesellschaftliche Zusammenarbeit gelingen? Welche Faktoren fördern oder hemmen sie? Um Antworten auf diese Fragen zu gewinnen, erprobt die Nationale Präventionskonferenz (NPK) von 2021 bis 2026 am Beispiel von zwei relevanten Themen der Prävention und Gesundheitsförderung gesamtgesellschaftliche Zusammenarbeit: Gesundheitsförderung und Prävention in der Pflege sowie psychische Gesundheit im familiären Kontext.

Das IGES Institut evaluiert und begleitet im Auftrag der NPK das Vorhaben. Als Ergebnis der Evaluation werden zum einen Analysen mit Blick auf die Zielerreichung des NPK-Vorhabens vorliegen, so dass angegeben werden kann, in welchem Maße das Vorhaben seine Ziele erreicht hat. Zum anderen sollen Lehren für die gesamtgesellschaftliche Zusammenarbeit aus der Erprobung gezogen werden. Im Idealfall trägt das Vorhaben dazu bei, eine „Bedienungsanleitung“ für gesamtgesellschaftliche Zusammenarbeit zu entwickeln, die in Zukunft die NPK, aber auch andere Akteure der Prävention und Gesundheitsförderung nutzen können.

Im Falle eines komplexen Evaluationsgegenstandes wie dem NPK-Vorhaben gilt es für die Evaluation zunächst, diesen zu verstehen und in einer Weise zu beschreiben, dass er evaluierbar wird: (1) Welche Ziele sollen durch das NPK-Vorhaben erreicht werden? (2) Wer ist dafür zuständig, die Aktivitäten zur Erreichung dieser Ziele umzusetzen? Und (3) welche Aktivitäten sind das?

Zu 1: Ein Ziel des NPK-Vorhabens ist die Erprobung gesamtgesellschaftlicher Zusammenarbeit und die Gewinnung möglichst reicher Erkenntnis daraus. Gleichzeitig ist Ziel, die Gesundheit, Sicherheit und Teilhabe der primären Zielgruppen, d. h. der beruflich Pflegenden, der pflegenden Angehörigen und der pflegebedürftigen Menschen zu stärken.Allerdings kann die NPK diese primären Zielgruppen nicht unmittelbar ansprechen, ihnen Angebote unterbreiten oder Maßnahmen für sie umsetzen. Sie kann jedoch relevante zuständige Akteure (intermediäre Zielgruppen) versuchen zu beeinflussen, Angebote und Maßnahmen für die primären Zielgruppen umzusetzen. Das NPK-Vorhaben verfolgt daher das Ziel, eine Verbesserung der Angebotssituation zu erreichen, also eine Ausweitung, Verbesserung, Ergänzung und Vernetzung von Angeboten und Maßnahmen, die durch die intermediären Zielgruppen unterbreitet beziehungsweise durchgeführt werden. Zu den intermediären Zielgruppen gehören insbesondere die Mitgliedsorganisationen der stimmberechtigten Mitglieder (Krankenkassen und ihre Verbände, Unfallversicherungsträger und Regionalträger der Deutschen Rentenversicherung), Ministerien und Behörden auf Bundes- und Landesebene, Wohlfahrtsverbände sowie Koordinationsstrukturen auf Landesebene, vor allem die Strukturen der Landesrahmenvereinbarungen nach § 20f SGB V.

Zu 2: Zuständig für die Erbringung der Aktivitäten sind die stimmberechtigten NPK-Mitglieder, also der GKV-Spitzenverband, die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. (DGUV), die Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund), die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) und der Verband der Privaten Krankenversicherung e.V. (PKV-Verband). Diese haben sich „als Programmgeber“ vorgenommen, „durch verschiedene Aktivitäten einen Impuls zur gesamtgesellschaftlichen Zusammenarbeit“ zu geben, „ um relevante Akteure (...) anzuregen, neue Aktivitäten umzusetzen, bestehende Aktivitäten auszuweiten bzw. besser aufeinander abzustimmen sowie miteinander zu verzahnen.“3

Zu 3: Mit vier Bündeln von Aktivitäten soll die oben beschriebene Verbesserung der Angebotssituation erreicht werden:

  • Aktivierung und Partizipation in Form von z. B. Aufrufen, Workshops auf Bundesebene und Workshops mit Akteuren der Länder, Öffentlichkeitsarbeit, wie Informationen auf der NPK-Website und bei LinkedIn;
  • Empfehlung an die Mitgliedsorganisationen der stimmberechtigten NPK-Mitglieder oder Selbstverpflichtung zur Ausweitung oder Anpassung eigener Leistungen und Angebote;
  • Bereitstellung von Wissen um Handlungsansätze und gute Praxis;
  • Bereitstellung von Daten und Evidenz, z. B. zur Wirksamkeit von Interventionen.

Für die Evaluation wurde im ersten Schritt eine Programmtheorie entwickelt, die Annahmen darüber beschreibt, wie die Aktivitäten der stimmberechtigten Mitglieder zu den beabsichtigten Wirkungen bei den intermediären Zielgruppen führen. Außerdem konkretisiert die Programmtheorie sowohl die Aktivitäten als auch die Ziele, so dass hierfür Indikatoren entwickelt werden konnten, auf deren Basis Messinstrumente wie standardisierte Fragebögen und Interviewleitfäden erarbeitet wurden. Im zweiten Schritt wurden die intermediären Zielgruppen befragt, um zu ermitteln, ob und in welchem Maße die oben genannten Wirkungen bei ihnen eintreten, ob sie also beispielsweise Angebote für pflegende Angehörige aufgrund des NPK-Vorhabens besser aufeinander abstimmen. Die Befragungen werden im Sommer 2026 wiederholt.

Im dritten Schritt erfolgt eine Analyse und Bewertung dessen, was durch das NPK-Vorhaben erreicht wurde, was die förderlichen und hemmenden Faktoren dabei waren und was daraus für die Möglichkeiten gesamtgesellschaftlicher Zusammenarbeit, auch über das NPK-Vorhaben hinausgehend, gelernt werden kann. Die Ergebnisse der Evaluation werden im Präventionsbericht der NPK veröffentlicht, der im Juli 2027 publiziert wird.

Zwischenergebnisse wurden auf dem Präventionsforum 2025 für das Thema Pflege vorgetragen. Demnach ist das NPK-Vorhaben etwa zwei Dritteln der relevanten Akteure bekannt. Jeweils etwa ein Viertel bis ein Drittel aller befragten Akteure geben an, dass sie durch das NPK-Vorhaben stärker für die Potenziale gesamtgesellschaftlicher Zusammenarbeit sensibilisiert sind, sich stärker mit den Zielgruppen auseinandergesetzt haben oder die Vernetzung mit anderen Akteuren vorangetrieben haben.


BVPG-Blogbeiträge zum Präventionsforum 2025 „Gesund ins Alter - Gesund im Alter: Was braucht es dafür?“

BVPG-Interview mit Prof. Dr. Andreas Kruse, Universität Heidelberg: „Gesundheitsförderung und Prävention sollten unbedingt im Alter fortgesetzt werden“

BVPG-Interview mit Professorin Christina Stecker, SRH University of Applied Sciences Heidelberg/Campus Berlin: „Das Gesundheitsmanagement kann nur so erfolgreich sein, wie es die Unternehmenskultur zulässt“

NPK-Vorhaben „Gesundheitsförderung und Prävention in der Pflege“: Kooperationsprojekte im Überblick

Weitere Informationen zu den Präventionsforen finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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Jörg Marschall | Der Soziologe und Epidemiologe leitet den Bereich Arbeitswelt & Prävention am IGES Institut. Gemeinsam mit seinem Team führt er Evaluationen von Projekten und Programmen der Gesundheitsförderung und Prävention durch, erstellt systematische Literaturreviews und Evidenzsynthesen und beschäftigt sich mit Fragen der Governance von Public Health. Für die Nationale Präventionskonferenz war er an der Erarbeitung des ersten und zweiten NPK-Präventionsberichts beteiligt.


Quellen:

1 World Health Organization (2021)

2 Hinzu kommt im Thema psychische Gesundheit die Zielgruppe Kinder aus psychisch (einschließlich sucht-) belasteter Familien. Das NPK-Vorhaben und seine komplexe Zielstruktur ist im zweiten NPK-Präventionsbericht ausführlicher dargestellt (Die Nationale Präventionskonferenz 2023).

3 Die Nationale Präventionskonferenz (Hg.) (2023): Zweiter Präventionsbericht nach § 20d Abs. 4 SGB V. Berlin.

4 In diesem kurzen Beitrag sind sowohl die Programmtheorie als auch die Listen von Aktivitäten, Zielen und Indikatoren vereinfacht dargestellt, um die „Architektur" und grundlegende Logik des Vorhabens darzustellen. Eine vollständige Darstellung wird mit Veröffentlichung der Evaluationsergebnisse erfolgen.


Literaturverzeichnis:

Die Nationale Präventionskonferenz (Hg.) (2023): Zweiter Präventionsbericht nach § 20d Abs. 4 SGB V. Berlin.

World Health Organization (2021): Health Promotion Glossary of Terms 2021. Genf: World Health Organization.