BVPG-Statuskonferenz 2022

Der ÖGD in der kommunalen Prävention und Gesundheitsförderung

Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) richtete in Kooperation mit der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf (AÖGW) am 23. Juni 2022 die digitale Statuskonferenz zum Thema „Die Bedeutung des ÖGD für die kommunale Prävention und Gesundheitsförderung" aus.

Die Bedeutung des Setting- oder auch Lebensweltansatzes für Prävention und Gesundheitsförderung ist unbestritten. Im WHO-Programm Gesundheit 21 (PDF)  wurde der Settingansatz als zentrale Strategie bestätigt – und nicht zuletzt wird dies auch durch seine ausdrückliche Betonung im Präventionsgesetz und dessen Umsetzung durch die nationale Präventionsstrategie deutlich.

Vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass die Kommune als „Dach-Setting” alle anderen Lebenswelten wie Kindertagesstätten, Betriebe oder Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen umgreift und „politische Gestaltungskompetenz auch für die Schaffung und Weiterentwicklung gesundheitsförderlicher und präventiver Rahmenbedingungen für ihr Gebiet” hat, kommt dieser eine besondere Rolle zu — nicht nur, aber besonders in Krisenzeiten, wie beispielsweise in der Corona-Pandemie (Die Träger der Nationalen Präventionskonferenz, 2018). Braucht es womöglich zukünftig eine kooperative Gesundheitsförderungsstrategie für die kommunale Ebene? Was ist darunter zu verstehen und wie könnte diese aussehen?


Öffentlicher Gesundheitsdienst als zentraler Akteur

Ein zentraler Akteur in der kommunalen Prävention und Gesundheitsförderung ist der ÖGD, der im Rahmen integrierter kommunaler Strategien im Verbund mit weiteren Lebensweltträgern und verantwortlichen Akteuren einen gesundheitsförderlichen Entwicklungsprozess anstoßen, koordinieren und leiten kann.

Der ÖGD ist daher prädestiniert, einen partnerschaftlichen Prozess mit allen kommunalen Akteuren zu initiieren und zu koordinieren, um das Potenzial der Kommune voll auszuschöpfen und die Gesundheit vor Ort zu fördern.

Im Rahmen einer sich neu aufstellenden öffentlichen Gesundheitsförderungspolitik in Deutschland, ausgelöst u. a. durch die Entwicklungen in Zusammenhang mit dem Pakt ÖGD, möchte diese Statuskonferenz einen Beitrag dazu leisten, dem WHO-Leitbild eines nachhaltigen, gesundheitskompetenten Gemeinwesens näher zu kommen.

Wir freuen uns, diese Statuskonferenz in Kooperation mit der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf, einer BVPG-Mitgliedsorganisation, durchführen zu können.


BVPG-Statuskonferenz: Impulse und Diskussion

Die Statuskonferenz wurde in Kooperation mit der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf, einer BVPG-Mitgliedsorganisation, durchgeführt.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Dr. Ute Teichert, Leiterin der Abteilung „Öffentliche Gesundheit” im Bundesministerium für Gesundheit, von Dr. Kirsten Kappert-Gonther MdB, seit Mai 2022 neue Präsidentin der BVPG, sowie von Prof.in Dr. Dagmar Starke, kommissarische Leiterin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf.

Caroline Costongs, Direktorin von EuroHealthNet, hat in ihrer einleitenden Keynote die „Economy of Wellbeing” (Die Ökonomie des Wohlergehens) als alternatives Wirtschaftssystem vorgestellt: Das Wohlergehen der Bevölkerung wird hier als Faktor berücksichtigt. Das ermögliche ein nachhaltiges und langfristiges Wirtschaftswachstum, da es über das Erfassen des Bruttoinlandsprodukts hinausgehe.

Prof.in Dr. Katrin Linthorst, Hochschule für angewandte Wissenschaften Coburg, ging auf die aktuellen Herausforderungen der kommunalen Prävention und Gesundheitsförderung aus wissenschaftlicher Sicht ein: „Ein starker ÖGD kann die kommunale Gesundheitsförderung nutzen, um sich zu einem modernen, zukunftsweisenden Teil des Sozialstaates zu entwickeln, der sich mit all seiner breiten Expertise für gesundheitliche Chancengleichheit stark macht”, so Professorin Linthorst. Die Herausforderungen aus kommunaler sowie aus Sicht der gesetzlichen Krankenversicherung wurden in zwei Beiträgen von Dr. Ina Zimmermann, Gesunde Städte-Netzwerk der Bundesrepublik Deutschland, und Jens Hupfeld, GKV-Spitzenverband, erläutert. Dr. Zimmermann machte deutlich: „Für eine erfolgreiche Gesundheitsförderung vor Ort brauchen wir Best Practice Projekte, Mindeststandards für Qualität, vereinfachte Finanzierung und multiprofessionelle Strukturen in den Kommunen”.

Die Rolle des ÖGD in der kommunalen Prävention und Gesundheitsförderung heute und morgen wurde anschließend vertiefend vorgestellt und diskutiert: Dr. Elke Bruns-Philipps, Beirat Pakt ÖGD, Dr. Ellis Huber, Berufsverband der Präventologen e.V. und Prof. Dr. Bertram Szagun, RWU Hochschule Ravensburg-Weingarten, waren in diesem Block als Referierende vertreten. „Der Schlüssel zum „neuen” ÖGD liegt in der Entwicklung seiner gesetzlichen Aufgaben. Den scheinbaren Widerspruch zwischen seiner „Pandemic Preparedness” und seiner Rolle für New Public Health gibt es dabei nicht”, erläuterte Professor Szagun.


Sozialversicherungen und Zivilgesellschaft als Partner des ÖGD

Die Sozialversicherungen und die Zivilgesellschaft sind Partner des ÖGD. Über die Möglichkeiten der Zusammenarbeit diskutierten auf dem Podium: Mathias Finis, Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau, Jörg Freese, Deutscher Landkreistag, Karolina Molter, Deutsches Rotes Kreuz e.V., Dr. Martin Oldenburg, Landesvereinigung für Gesundheitsförderung in Schleswig-Holstein e.V. und Prof. Dr. Bertram Szagun, RWU Hochschule Ravensburg-Weingarten und Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V.

Für Kommunen sei die Zivilgesellschaft in allen Bereichen kommunaler Selbstverwaltung ein wichtiger und täglicher Partner. Umso wichtiger sei es, dass der ÖGD kommunal verankert ist und bleibt. Die Logik der Krankenversicherung, der Sozialversicherungen insgesamt, sei eine gänzlich andere und erfordere noch viel Übung, bis eine Zusammenarbeit reibungslos gelingt, erläuterte Herr Freese.

Frau Molter stellte fest: „Die Wohlfahrtspflege leistet einen zentralen Beitrag bei Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten. Der ÖGD kann daher seine Ziele nur erreichen, wenn sie als strategischer Partner verstanden wird”.
Dr. Oldenburg machte deutlich, dass der ÖGD die Abteilung der Kommune sei, die gesundheitswissenschaftliches und medizinisches Wissen in die kommunale Daseinsvorsorge einbringe. Hierbei wird dieser durch die Landesvereinigungen effektiv unterstützt.

 

In einer Plenumsdiskussion wurden abschließend Fragen der Teilnehmenden an die Referierenden und Podiumsteilnehmenden beantwortet.

Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der BVPG, und Prof.in Dr. Dagmar Starke führten als Moderatorinnen durch die Veranstaltung.


Erstes Fazit der BVPG-Statuskonferenz 

Ein erstes Fazit lässt sich bereits festhalten: Der ÖGD bringt gesundheitswissenschaftliches und medizinisches Wissen in die kommunale Daseinsvorsorge ein und ist dafür prädestiniert, einen partnerschaftlichen Prozess mit allen kommunalen Akteuren zu initiieren und zu koordinieren, um die Gesundheit vor Ort zu fördern.
Der ÖGD erlebt derzeit eine enorme Aufwertung und die Chance, sich neu auszurichten. Jetzt ist das Zeitfenster, um den ÖGD bundesweit für Prävention und Gesundheitsförderung zu stärken. Bereits mit dem „Leitbild für einen modernen Öffentlichen Gesundheitsdienst” aus dem Jahr 2018 wurden die Weichen für eine zeitgemäße Ausrichtung des ÖGD gestellt. Der Pakt ÖGD setzt das fort: So soll der ÖGD nicht nur für den Infektionsschutz, sondern auch als kommunaler Akteur u. a. zur nachhaltigen Herstellung und Sicherung gesundheitlicher Chancengleichheit zuständig sein.

Auf kommunaler Ebene bzw. Länderebene sind Gesundheitskonferenzen und eine gesetzliche Verankerung in Gesundheitsdienstgesetzen notwendig, da sie die politische Legitimation sowie die Verbindlichkeit von Handlungsempfehlungen erzeugen. Auch eine entsprechende kommunale Gesundheitsberichterstattung ist notwendig, um daten- und bestenfalls evidenzbasiert Empfehlungen zu formulieren.

Die Zusammenarbeit in solchen vernetzten Strukturen, wie die der Gesundheitskonferenzen, muss dabei auf Augenhöhe erfolgen; Partialinteressen sollten hinter gemeinsamen Zielen zurückstehen. Dies ist gleichzeitig verbunden mit einer hohen Kooperationsbereitschaft und einer qualifizierten Moderation der Netzwerke.


Die BVPG führt die 21. Statuskonferenz vor dem Hintergrund ihrer thematischen Schwerpunktsetzung „Lebenswelt-/Settingorientierung und Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes” durch.



Weitere Informationen zur Statuskonferenz



Eine ausführliche Dokumentation der Statuskonferenz mit den Abstracts der Vorträge, Zitaten und der Zusammenfassung der Diskussionsrunde wird erstellt und zeitnah barrierefrei und kostenlos auf dieser Website zur Verfügung gestellt.


 

Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an statuskonferenz@bvpraevention.de

Information zu den bisherigen BVPG-Statuskonferenzen sind hier zu finden.



BVPG-Blog: Interview mit Prof.in Dr. Dagmar Starke

Lesen Sie dazu auch den Blogbeitrag von Prof.in Dr. Dagmar Starke, kommissarische Leiterin der AÖGW und Vorstandsmitglied der BVPG: „In einem modernen ÖGD wird Gesundheitsförderung zum Coachingprozess!”



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