Psychische Gesundheit

Auswirkungen des ersten Corona-Lockdowns auf die psychische Gesundheit im Alter

Forschungsergebnisse basierend auf den Daten des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) zeigen, welche Auswirkungen der erste Lockdown auf die psychische Gesundheit der älteren Bevölkerungsgruppe in 26 europäischen Ländern und Israel hat. Ein Ergebnis: Bereits betroffene ältere Menschen leiden besonders unter den Folgen des Corona-Lockdowns.

Wie altern die Menschen in den Ländern der Europäischen Union? Das ist die zentrale Frage des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) (deutscher Titel: 50+ in Europa). 2004 wurde erstmals eine repräsentative Befragung der Bevölkerung ab 50 Jahren in 11 europäischen Ländern erhoben. Die aktuellen Befragungswellen 9 und 10 laufen von 2021 bis 2024 und legen einen Fokus auf den Ruhestand der Baby-Boom-Generation.

SHARE wird zentral am Munich Center for the Economics of Ageing (MEA), einer Abteilung des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik, koordiniert.

Nun wurden neue Forschungsergebnisse basierend auf Daten von SHARE veröffentlicht.

Die Besonderheit des SHARE Corona Survey besteht darin, dass die Wochen nach dem ersten Lockdown (zwischen Juni und August 2020) betrachtet wurden, um so die mittelfristigen Folgen der ersten Welle der Pandemie zu messen. Bisherige Studien haben hauptsächlich den Zeitraum während des ersten Lockdowns untersucht.


Auswirkungen auf psychisches Wohlbefinden im Alter nach erstem Lockdown

Die Studie untersucht Personen im Ruhestand ab einem Alter von 60 Jahren aus 26 europäischen Ländern und Israel, die im Rahmen des SHARE Corona Survey telefonisch befragt wurden. Bei der Auswertung konnten Daten von 27.889 Personen verwendet werden. Die Daten des SHARE Corona Survey wurden mit Makrodaten des Oxford COVID-19 Government Response Tracker kombiniert, um zu ermitteln, welche Faktoren das Post-Lockdown Level an Depression und Einsamkeit beeinflussen.

Die individuellen Merkmale umfassen u.a. Alter, die Anzahl persönlicher Kontakte pro Woche oder die Angabe, ob die Befragten alleine leben. Zu den Makroindikatoren gehören die Anzahl der kumulierten Todesfälle pro 100.000 Einwohner, die auf COVID-19 zurückzuführen sind, sowie die Anzahl der Tage mit strikten Maßnahmen zur Pandemieeindämmung (z.B. Schulschließungen, Absage von öffentlichen Veranstaltungen, Einschränkungen im öffentlichen Verkehr etc.).

Aufgrund der COVID-19-Pandemie verschlechterte sich der Zustand von mehr als jeder zweiten Person über 60 Jahren, die bereits Gefühle wie Traurigkeit oder Depression zeigte.

Je höher die Sterblichkeit in Zusammenhang mit COVID-19 und je länger Maßnahmen zur Pandemieeindämmung in einem Land andauerten, desto häufiger waren die ältesten Befragten (80 Jahre und älter) von depressiven Gefühlen betroffen.

Zusammenfassend bedeutet das, dass die einbezogenen Makroindikatoren, also die pandemieeindämmenden Maßnahmen sowie die Todesfälle/100.000 Einwohner, das psychische Wohlbefinden negativ beeinflussten - insbesondere das der ältesten Umfrageteilnehmenden.


Alleinlebende besonders von Einsamkeit betroffen

40 Prozent der Befragten, die sich bereits einsam gefühlt haben, fühlten sich nach der ersten COVID-19 Welle noch einsamer.

Im Gegensatz zu Depression oder Traurigkeit fanden die Forschenden hier keinen Hinweis, dass das Alter einen Einfluss auf das Einsamkeitsgefühl hat. Sie fanden auch keinen Hinweis darauf, dass die Anzahl der Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 oder die Anzahl der Tage mit strikten Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung eine signifikante Rolle für das verstärkte Einsamkeitsgefühl spielen.

Jedoch zeigten die Ergebnisse, dass alleinlebende Personen ein erhöhtes Risiko für eine Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens haben. Der persönliche Kontakt zu Freunden und Familie kann Einsamkeitsgefühlen entgegenwirken, wobei ein rein digitaler Kontakt keine signifikant positiven Auswirkungen auf die Einsamkeitsgefühle älterer Menschen hat.

Die Ergebnisse zeigten insgesamt, dass die Makroindikatoren auf Länderebene Gefühle von Traurigkeit/Depression erhöhen, aber dass eher individuelle Faktoren, wie z.B. das Wohnen alleine, eine Zunahme der Einsamkeit in der Zeit nach dem ersten Lockdown erklären.


Implikationen

Die Autoren der Studie, Dr. Josefine Atzendorf und Dr. Stefan Gruber, legen in ihrer Diskussion nahe, dass zielgruppenspezifische Maßnahmen benötigt werden, um die negativen Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit dieser beider Risikogruppen abzuschwächen. Präventive Maßnahmen zur Steigerung des psychischen Wohlbefindens können sich auf die Stärkung des Bewusstseins für die eigenen Fähigkeiten und damit auf die Verbesserung der Resilienz (psychischen Widerstandsfähigkeit) beziehen. Betroffene lernen, ihren Fokus auf die Dinge zu lenken, die von ihnen selbst beeinflusst werden können, statt von unvorhersehbaren Situationen überfordert zu werden.

Aufgrund der Stigmatisierung psychisch Erkrankter sollten insbesondere auch ältere Menschen ermutigt werden, sich Hilfe und Unterstützung zu suchen, damit sich psychische Krankheitsbilder gar nicht erst manifestieren können.

Große Unterschiede im Ländervergleich

Da die Ausrichtung des Papers auf einem internationalen Fokus liegt, sind Aussagen zu einzelnen Ländern nur begrenzt möglich. Abgeleitet von der deskriptiven Analyse wird ersichtlich, dass Deutschland im europäischen Mittelfeld liegt, was die negativen Konsequenzen der Pandemie für das psychische Wohlbefinden der älteren Bevölkerung angeht. Südeuropäische Länder, z.B. Italien und Portugal, haben einen deutlich höheren Anteil an Personen, für die sich das psychische Wohlbefinden verschlechtert hat. Länder wie Slowenien, Dänemark und die Tschechische Republik weisen im Vergleich einen geringeren Anteil auf.

 

Hier finden Sie das gesamte Paper von Atzendorf und Gruber "The mental well-being of older adults after the first wave of COVID-19" (PDF).

Informationen zum Fragebogen und zum Zugang der Daten finden Sie hier.

 

BVPG-Statuskonferenz 2021: psychische Gesundheit im Alter

Die 20. Statuskonferenz der BVPG in Kooperation mit dem Deutschen Olympischen Sportbund widmet sich dem Thema "Psychische Gesundheit in der dritten Lebensphase". Sie findet am 12. November 2021 in Frankfurt am Main statt. Auch die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit der älteren Bevölkerungsgruppe werden in der Veranstaltung thematisiert.

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